Buchrezension: Sexworker

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photo credit: Piotr Pawłowski via Flickr cc

Es gibt wenige Bücher, bei denen man sich besser fühlt, wenn man in ihnen liest. Bei „Sexworker“ von Cornelia Jönsson, Silke Maschinger und Tanja Steinlechner war genau das der Fall – viele Interviews und Porträts haben mir dabei geholfen, im stressigen Alltag wieder ein bisschen mehr zu mir selbst zu finden. Und Einblicke zu geben in die Lebenswelten von verschiedensten Frauen, die eine nicht ganz alltägliche Gemeinsamkeit haben: Sie verdienen ihr Geld irgendwie mit Sex. Ich schreibe absichtlich „irgendwie“ – ist Körperforschung denn schon Sexarbeit? Wie steht es mit dem Verfassen von Liebesbüchern?

Prompt haben wir hier eine der Stärken dieses Buchs: Das breite Spektrum deckt extrem viele Bereiche der Sexarbeit ab. Ich finde es angesichts der aktuellen Diskussion um die Entkriminalisierung von Sexarbeit sehr wichtig, sich diesen Facettenreichtum vor Augen zu führen. Man geht oft viel zu schnell davon aus, dass Sexarbeiterinnen diejenigen sind, die für Bezahlung Sex haben. Dass sich hier aber noch eine Menge mehr Frauen mit völlig anderen Schwerpunkten tummeln, wird dabei oft zu Unrecht unterschlagen.

Es gibt es die „klassische“ Telefonistin, die währenddessen auch mal ihre Wäsche macht, es gibt die Paar- und Sexualtherapeutin, die gesteht, dass auch sie heute noch ab und an rote Ohren bekommt, es gibt die Dildo-Herstellerin, die alle ihre Spielzeuge selbst testet, es gibt die Tantra-Masseurin, die gern BDSM-Elemente in ihren Massagen einbaut, weil beides viel mit Hingabe zu tun hat … Porträts wechseln sich ab mit Interviews, bei einigen ist ein Bild der vorgestellten Frau dabei, meist auch ein Hinweis auf die Internetseite.

Und natürlich sind es vor allem Männer, die die Damen umso mehr in Anspruch nehmen, je mehr es zur Sache geht. Während Sexspielzeuge oft eine Pärchenangelegenheit sind, sieht es bei der Tantra-Massage schon ganz anders aus. Oft genug wird auch berichtet, dass es traumatisierte Frauen sind, die eine solche Form der Dienstleistung suchen, um sich professionell dabei unterstützen zu lassen, (wieder) ein besseres Körpergefühl zu bekommen. Wobei auch die unbelasteten Frauen durchweg sehr unentspannt scheinen – in fast jeder Vorstellung wird dafür plädiert, dass wir Frauen uns mit unserem Körper und unserer Sexualität versöhnen sollten.

Warum ich mich besser fühlte, wenn ich in dem Buch gelesen habe? Das lag an diesem überaus entspannten und natürlichen Verhältnis zur Sexualität, das überall transportiert wurde. Und vor allem auch, weil vermittelt wurde, dass es oft mal nicht klappt, jeder irgendwelche Probleme hat und die wenigsten Menschen „perfekt“ sind. Theoretisch weiß man das immer, aber es ist einfach etwas anderes, von persönlichen Erfahrungen zu lesen. Dadurch renkt sich manche gedankliche falsche Vorstellung wieder ein.

Mein Fazit: „Sexworker“ ist sehr abwechslungsreich und kurzweilig geschrieben und kann durch die vielen kleinen abgeschlossenen Kapitel problemlos häppchenweise gelesen werden. Ich empfand die Lektüre als bereichernd, weil ich neue Aspekte eines bekannten Themas erfahren habe, die aber durch den persönlichen Erfahrungsansatz nie belehrend wirkten. Leseempfehlung!