Ich bin Masochistin

Fahrradsattel mit Nadeln auf der Sitzfläche

photo credit: Apionid via Flickr cc

Gastartikel von Femke:

Nein, ich stehe nicht auf Erniedrigung, sondern mein Körper setzt bestimmte Formen von Schmerz in Lust um. Wieder mal diese Rechtfertigung, wieder Unverständnis von meinem Gegenüber.

Der Begriff Masochismus ist prinzipiell recht deutlich definiert: „Als Masochismus wird bezeichnet, wenn ein Mensch (oftmals sexuelle) Lust oder Befriedigung dadurch erlebt, dass ihm Schmerzen zugefügt werden oder er gedemütigt wird.“ Obwohl für mich der letzte Teil des Satzes nicht zutrifft, sondern einfach submissives Verhalten ist. Ich für mich ziehe keinen Lustgewinn daraus, gedemütigt zu werden. Für mich sind aber auch viele Handlungen, die andere als demütigend empfinden, einfach nur eine nette Spielerei meines Sexuallebens. Ich weiß, dass die Übergänge da fließend sind. Trotzdem regt mich das immer wieder auftretende Unverständnis auf.

Ich ertrage keine Schmerzen, sondern ich genieße die aufmerksame Liebkosung meines Gegenübers. Wieso sollte ich von ertragen sprechen, wenn sich das Kribbeln in meinem Körper ausbreitet, der Kopf sich dem Rhythmus ergibt und sich in leichten Wellen der erste Orgasmus aufschaukelt? Nein, ich nutze nicht Schmerz zur Luststeigerung, sondern bestimmter Schmerz selbst setzt sich in Lust um.

Haarentfernung als Spiel?

Ich komme davon wenn ich mir den Zeh anstoße? Ganz so subtil ist es nicht, aber ich muss mich nicht mental auf eine Spielsituation einlassen, außer dass ich meinem Gegenüber vertraue. Absolut vertraue. Das alleine ist schwer für mich. Warum? Weil mein Körper nicht dieselben Grenzen kennt wie mein Kopf. Das bedeutet? Ein einfaches frisches Beispiel: Vor ein paar Monaten versuchte ich mit Sugaring (= das Enthaaren des Körpers mit einer warmen Zuckerpaste) mir meine Beine zu enthaaren. Ich musste aufhören, da mich mit jedem neuen Streifen Paste neue Wellen der Lust überspülten. Nach dem dritten Streifen brach ich frustriert ab. Immer zu warten, bis die Nachwehen, mit Erschöpfung und allem, abgeflaut waren, um dann weiter zu machen, ist nicht effektiv. Und ich bin effektiv, wenn ich Dinge tue. Also der neue Plan: Weil ich mich gerade auch in vielen anderen Bereichen besser kennenlerne, lasse ich das von jemand anderem machen und ergebe mich wieder mal der Lust. Letzte Woche war es soweit. Es ging nach hinten los. Fehler dabei, wir hatten beide noch nicht wirklich Erfahrung mit dem Ansetzen der Paste. Er testete mit der Hand vor, ob es heiß genug sei, es ging. Er trug die Paste auf. Ich keuchte, die Paste war heiß und in diesem Moment schoss mir die Lust in Hirn und auch Intimbereich. Interessiert beobachtete mein Gegenüber mein Gesicht und wartete auf mein Go zum Abziehen. Er fragte noch drei Mal nach, ob er wirklich ziehen sollte. Die nächste Welle brandete durch meinen Körper, wesentlich kleiner, aber trotzdem deutlich. Beim zweiten Auftragen war die Paste schon zu fest und es passierte nichts. Also kochten wir das Ganze nochmal auf und verdünnten die Paste. Wieder der Test mit seinen Fingern, sein Kommentar: „Etwas zu heiß.“ Ich wurde wieder ungeduldig, nach kurzer Pause probierten wir den dritten Streifen. Diesmal schrie ich und wieder wurde aus dem Schmerz die rote Welle, die mich weg, durch den Körper trug und in die Unendlichkeit schleuderte. Ich zitterte und er wollte das Ganze runter nehmen. Wir einigten uns auf eine kurze Pause. Nach etwas Zeit stellten wir beide entsetzt fest, dass sich auf meinem Schienbein eine Blase bildete. Schnelle Erstversorgung mit kaltem Wasser und danach Brandsalbe.

Nun setzt dann mein Kopf ein und fragt mich, warum ich mir das antue. Diese Lust hat bei mir nichts mit Selbstbestrafung zu tun. Es ist einfach nur pure Lust, manchmal kommen die roten Wellen. In anderen Situationen träte ich wie weg, bis mich der Orgasmus schüttelt. Dies macht es schwer für mich, um diese Spiele zu bitten, und lässt mich auch empfindlich auf die meisten Vorstellungen von anderen reagieren. Denn auch bei absoluter Lust und Genuss trage ich Narben davon. Auf meinem Körper weniger als auf meiner Seele. Außerdem möchte ich auch diese Verantwortung nicht an andere abgeben, weil zum einen diese Verantwortung schon missbraucht wurde und ich zum anderen schlussendlich doch den Großteil mit mir selbst ausmachen muss.

Mein Freundeskreis ist neidisch auf diese Fähigkeit, ich hätte gerne einen freundlicheren und genussvolleren Umgang damit, ohne Selbstvorwürfe. Dazu müsste ich aber erst mal bereit sein, mich nicht zu kontrollieren.

Grenzüberschreitungen

Ich habe in diesem Bezug keine Erziehung oder Routinierung genossen, wie es manchmal oft entsteht. Als ich in der frühen Pubertät anfing zu masturbieren, geschah dies immer in Kombination mit Schmerzen. Bis ich 19 Jahre alt war, konnte ich beim Sex selbst nur kommen, wenn es mir dabei weh tat. Ob das Beißen oder den Kopf an der Wand schlagen war oder eine unbequeme Position – ich brauchte in dieser Form Unterstützung. Dann lernte ich jemanden kennen, der mich drauf hinwies, dass Schmerz auch anders, bewusster geht. Ich lernte meinen ersten Spielpartner kennen und die Freuden von Klammern und Rohrstock. Plötzlich kam ich auch so oder von ganz anderen Sachen. Ein Fehler von mir war dabei, aus Unerfahrenheit, auch unterwürfig zu sein. Ich ertrug Figuren stehen und Demütigung, um nicht auf den Schmerz verzichten zu müssen. Denn er war ein fester Bestandteil von mir. Dies ging bis an den Punkt, an dem er zu weit ging. Dies wurde damit begründet, dass ich ja um mehr gebeten hätte und es den großen Reiz für ihn ausmache, dass ich Dinge ertrage, um diesen Schmerz von ihm zu bekommen. Er genoss meinen Absturz und sagte mir ins Gesicht, dass es keine Rolle mehr zwischen uns spielte, was ich wolle. Er habe mir diesen Schmerz geschenkt und damit gehöre ich ihm. Das letzte Mal hatte ich einen Orgasmus, während sein Buchstabe in meine Haut gestochen wurde. Der Orgasmus hatte nichts mit der persönlichen Bindung zu tun, sondern war alleine der Stelle geschuldet. So etwas ertrage ich nicht mehr, ich probiere aus und spüre nach. Teile meine Lust mit anderen, die diese wertschätzen. Ich bin kein Prügelknabe mehr.

Seit dieser Zeit suche ich wieder meinen Frieden mit meiner Sexualität und die Basis für Vertrauen in das tiefere Spiel meiner Weiten. Denn ich habe seitdem nicht wieder so vertraut. Ich habe viel daraus gelernt, dass ich nicht devot bin und auch mit nichts bezahlen muss, wenn mir jemand Gutes tun will. Sondern das passiert, was beiden Freude bereitet.

Ich bin Masochistin und gehe meinen Weg.

Vielen Dank an Femke, die sich auch den allerersten Gastartikel unseres Blogs verantwortlich zeichnet, für diesen schonungslos offenen Einblick in deine Erfahrungen. Wir wünschen dir nur das Beste für deine Suche nach dem Frieden mit deiner Sexualität.

Wenn ihr ähnliche Erfahrungen wie Femke macht oder gemacht habt, könnt ihr bei maydaySM weitere Informationen erhalten.