Metamourpflege

photo credit: heiko

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In vielen Aspekten unterscheiden sich polyamouröse Beziehungskonstrukte nicht sehr stark von monoamourösen. Viele Vorschläge aus Sachbüchern für alternative Beziehungskonstruktionen können genauso förderlich in Zweierpartnerschaften sein. Es gibt jedoch ein Element, das für offene Beziehungen jeder Art ziemlich einzigartig ist: die Metamour-Beziehung. Als Metamours werden die anderen Beziehungspartner des eigenen Beziehungspartners (Paramour) bezeichnet. Es ist natürlich auch möglich, dass ein Metamour ebenfalls ein Paramour ist (in einer Triadenkonstellation zum Beispiel).

Für die wenigsten ist es vermutlich ein unbekanntes Szenario, wichtige Menschen aus dem Leben eines Partners kennenzulernen, wie enge Freunde, Eltern, Kinder, Geschwister und dabei den Wunsch zu verspüren, mit diesen zumindest ein grundsätzlich positives Verhältnis aufzubauen. Immerhin kann es Beziehungen durchaus unter Stress setzen, wenn die Menschen in unserem Leben, auf deren Meinung wir viel Wert legen, nicht viel von unseren Beziehungspartnern halten – und umgekehrt. Aber in meinen Augen haben Metamours das zusätzliche Potential, uns schneller als andere Menschen an die Grenzen unseres eigenen Wohlfühlbereichs zu führen, indem sie Unsicherheiten auslösen, Neidgefühle verursachen oder zu Vergleichen Anlass bieten können. Kurz gesagt, Metamourbeziehungen bieten den besten Nährboden, um an unseren Herausforderungen zu wachsen.

Die Beziehung zu meinem ersten Metamour war eine ziemliche Herausforderung und ich denke, das geht vielen Menschen in polyamourösen Kreisen so. In erster Linie liegt es vermutlich auch daran, dass wir für diese spezielle Beziehungsform keine Vorbilder in unserer gesellschaftlich normativen Umwelt haben. Normalerweise werden wir darauf konditioniert, Menschen, an denen unser (potenzieller) Partner ebenfalls romantisches/sexuelles Interesse zeigt, nicht zu mögen, zu hassen, oder schlechte Seiten an ihnen zu finden. In einer monoamourösen Beziehung sind tendenziell die einzigen Menschen, die unsere Erfahrung der Intimität mit unserem Partner teilen, entweder Ex-Beziehungen (und damit eine mögliche Gefahr) oder Unbekannte (wenn der Partner betrügt). Polyamouröse oder andere deviante Beziehungskonstellationen bieten die außergewöhnliche Erfahrung, die Begeisterung, die man für seinen Partner empfindet, mit einem anderen Menschen teilen zu können.

Dazu müssen wir jedoch Wege finden, Beziehungen zu unseren Metamours aufzubauen, die über „Baut ein freundschaftliches Verhältnis mit euren Metamours auf, damit eure Paramourbeziehung nicht gefährdet wird oder reibungslöser läuft“ hinausgeht. Dieser Ansatz ist zwar ein sehr sinnvoller Startpunkt für Metamourbeziehungen, da er dabei hilft, die andere Person als menschliches Wesen mit eigenen Bedürfnissen zu verstehen und sie nicht als Übermensch wahrzunehmen, dessen Wünsche den eigenen aus bösem Willen in die Quere kommen. Allerdings konzentriert sich der oben genannte Ratschlag in erster Linie darauf, dass die romantische/sexuelle Beziehung zwischen den Paramours funktioniert. Er lässt dabei außen vor, dass die Beziehung zwischen Metamours weit über die Bindung durch den gemeinsamen Paramour hinausreichen kann.

Rebecca Crane hat in einem Vortrag (das sehr empfehlenswerte englische Video dazu findet ihr hier) drei verschiedene Teile einer Metamourbeziehung herauskristallisiert: die individuelle Beziehung, die beide Metamours außerhalb der Beziehung über den Paramour miteinander haben, die Gruppenbeziehung zwischen Paramour und den Metamours und die Beziehung, die beide Metamours in Bezug auf den Partner miteinander haben.

Persönlich habe ich in den letzten Monaten immer häufiger festgestellt, dass die Beziehungen zu den Metamours meiner Partner für mich ein großer Bonusfaktor des polyamourösen Beziehungskonzeptes sind. Nicht nur weil der Kontakt mit den Partnern meiner Partner für mich ein wirksames Mittel gegen Unsicherheiten ist, sondern auch weil ich das Glück habe, die meisten meiner Metamours als Bereicherung für mein eigenes Leben zu erleben.

In der Metamourbeziehung mit der Partnerin meines ersten Polypartners ist einiges schief gelaufen. Ich kann bis heute den Finger nicht genau darauf legen, was eigentlich unsere Schwierigkeiten waren, und kann nur vermuten, dass die Vorgabe des Paares, wenn dann nur mit beiden eine Beziehung zu führen, die individuelle Beziehung mit meinem Metamour von Anfang an unter Druck gesetzt hat. Zudem stand der Wunsch unseres Paramours deutlich im Raum, dass wir uns bitte annähern sollten, und unsere Kommunikation miteinander war in erster Linie von Höflichkeit und Vorsicht geprägt. Ich kann nachvollziehen, warum man es manchmal vorzieht, unbequemen Fragen aus dem Weg zu gehen und Wogen lieber glätten zu wollen. Was die komplexen Beziehungskonstrukte angeht, die entstehen, wenn die Interessen von mehreren Individuen involviert sind, bin ich inzwischen jedoch sehr misstrauisch geworden, wenn ich das Gefühl habe, mein Gegenüber zieht es vor, der Wahrung des Anscheins von Höflichkeit Vorrang vor dem Ausdruck der eigenen Wünschen und Bedürfnisse zu geben. Einer meiner aktuellen Metamours ist eine sehr direkte und offene Person, die vor allem am Anfang von Beziehungen gerne unbequeme Fragen stellt und welche sich auch häufig darüber beklagt hat, dass ich nur sehr langsam Dinge von mir preisgebe. Ich habe gerade diese Person inzwischen sehr zu schätzen gelernt, unter anderem weil ich mich aufgrund ihrer aufgeschlossen Einstellung gegenüber ihren Metamours sehr schnell in ihrer Gegenwart entspannen konnte. Inzwischen ist sie für mich zu einer recht konstanten Bezugsperson geworden, mit der ich auch regelmäßig gern paramourfreie Zeit verbringe.

Ein Punkt, den ich bei der Entwicklung von Metamourbeziehungen (wie bei allen anderen Beziehungen eigentlich auch) als sehr wichtig empfinde, ist, dass sie sich in ihrem eigenen Tempo ohne eine präskriptive Regelung entwickeln. Es fällt mir bei bestimmten Menschen leichter mich zu öffnen als bei anderen. Gerade bei Metamours ist es mir eigentlich auch recht wichtig, mehr Aufwand aufzubringen, mit ihnen ein gutes Verhältnis zu entwickeln, als bei unbekannten Menschen, weil es eben auch wichtige Menschen in dem Leben meines Partners sind. Aus eigenen Erfahrungen habe ich aber festgestellt, dass es recht kontraproduktiv sein kann, wenn von einer der drei Seiten Druck aufgebaut wird, wie schnell und in welcher Form sich Beziehungen entwickeln sollen.

Polyamouröse Beziehungskonstrukte sind zudem manchmal fragile Konstellationen (zumindest in meinem Fall, in dem es keine Primärpartnerschaften gibt), in denen es wichtig ist, dass Metamours untereinander zumindest von den guten Absichten ihrer anderen Metamours ausgehen und nicht aktiv gegeneinander arbeiten. Für mich persönlich ist es auch nicht unüblich, Stellung für meinen Metamour zu beziehen, wenn ich das Gefühl habe, unser Paramour schätzt eine Situation ungerecht in Bezug auf den Metamour ein. Ein destruktiver Ansatz ist jedoch die Gegenrichtung: ich empfinde es nicht generell als ein No-Go, dass mein Paramour mit mir über Schwierigkeiten, die er gerade mit einem meiner Metamour hat, spricht*, würde jedoch keine Stellung gegen meinen Metamour beziehen – es sei denn in extremen Situationen wie sehr starken Grenzüberschreitungen und auch hier würde ich gerne noch die andere Seite hören -, sondern lediglich mit meinem Paramour über Ideen nachgrübeln, wie sich die Situation für beide verbessern lässt.

 

*Ich empfinde es trotzdem als gerechtfertigt, hier eine Grenze zu ziehen und zu kommunizieren, dass man sich in die Schwierigkeiten der anderen Beziehungen nicht hineinziehen lassen möchte.