Lektionen in Hingabe – Lernen in der Tantramassage, Teil 2

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photo credit: Hanneke Mulder via Flickr cc

In Teil 1 habe ich beschrieben, welche Tugenden wir als Geber*innen in der Tantramassage kultivieren und auf unser restliches Leben übertragen können. Hier möchte ich nun versuchen, zu erfassen, was wir als Empfangende in der Massage lernen und üben können.

Es mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, etwas zu „üben“, während man augenscheinlich absolut passiv ist. Doch gerade die Passivität ermöglicht es uns, wertvolle Erfahrungen zu machen, die weit in unser Alltagsleben hinein wirken können.

Die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit in unseren Körper und auf unsere Empfindungen zu lenken, also „im Körper zu sein“, geht vielen Menschen allzu schnell verloren oder wird gar nicht erst erlernt. Viele nennen diesen Zustand „Präsenz“: ganz im Hier und Jetzt sein, wahrnehmen ohne zu denken. Die Massagesituation schafft Bedingungen, die diesen Zustand erleichtern sollen. Die Berührungen lenken die Aufmerksamkeit in den Körper, bewusstes Atmen bringt die Gedanken zur Ruhe. Umgekehrt ist für viele deutlich spürbar, dass das Gelingen der Massage nicht unerheblich von der Präsenz der Empfänger*in abhängt. Je gegenwärtiger sie ist, desto besser können die beiden Beteiligten „miteinander im Kontakt“ sein. Dies wiederum erleichtert der Masseur*in eine stetige Abstimmung ihrer Massagehandlungen auf die Empfänger*in, was wiederum deren Präsenz erhöhen kann. So entsteht eine Art feedback loop.

Wird dieser Zustand regelmäßig geübt, lässt er sich auch in Alltagssituationen immer leichter wiederholen und führt so zu Entspannung und Wohlgefühl. Viele Menschen sind dauerhaft so angespannt, dass sie regelrecht vergessen, wie es sich anfühlt, tief entspannt zu sein. Durch die Länge der Massage, ihren meditativen Charakter und die Anwendung vielfältiger Techniken, die der Entspannung dienlich sein sollen, ist die Tantramassage eine fabelhafte Gelegenheit, um diesen Zustand herbeizuführen und auch aktiv zu üben, indem man zum Beispiel auf einen regelmäßigen und tiefen Atem achtet.

Ein weiteres zentrales Element der Massage ist die „unpersönliche Liebe“, also eine wohlwollende Zuwendung, die nichts mit unserer persönlichen Geschichte zu tun hat, nicht einmal mit Attraktion oder Sympathie. Als Empfänger*in darf ich hier erfahren, wie es sich anfühlt, wenn mir ein (oftmals völlig fremder) Mensch Liebe in Form von Respekt, Wohlwollen, Zärtlichkeit, Geborgenheit entgegenbringt. In ähnlicher Weise wird die Sexualität isoliert erfahrbar gemacht. Die gesellschaftliche akzeptierteste Form von Sexualität ist heutzutage „Bestandteil“ bzw. Ausdruck romantischer Liebe und eng mit Begehren, Intimität und Vertrautheit verknüpft. Sie hat den wichtigen Zweck, eine Verbindung weiter zu festigen. In der Massage hingegen kultivieren wir die Sexualität als einen Teil unseres Lebens, der Selbstzweck ist. Wir haben weder einen Beweggrund (wie z.B. ein Gefühl der Entfremdung) noch ein erklärtes Ziel (z.B. einen Orgasmus), sondern schaffen uns einen Erfahrungsraum, in dem wir uns einfach selbst erleben und sinnliches und sexuelles Vergnügen genießen dürfen.

So kann die Massage zum sexuellen Lernfeld werden: Da die eigene physische und psychische Situation anders ist als gewöhnlich, reagieren Körper und Seele bisweilen anders auf Reize, als man es gewohnt ist. Im Zustand der Entspannung, ohne Leistungsdruck und ohne das gewohnte „Skript“ (also eine bestimmte Abfolge sexueller Handlungen), erweitert sich der Erfahrungshorizont. Zum Beispiel kann es sein, dass man die Erregung im ganzen Körper spürt, nicht nur in den Genitalien. Vielleicht lernt man neue Arten von Orgasmen kennen, wie z.B. multiple Orgasmen oder Gebärmutterhalsorgasmen. Wir erweitern unser Empfindungspotenzial und entdecken Unbekanntes.

Ein weiteres spannendes Lernfeld ist der eigene sexuelle und emotionale Ausdruck. Wir sind oft gehemmt, unser inneres Erleben nach außen sichtbar zu machen. In der Tantramassage ist dieser Ausdruck (innerhalb bestimmter Grenzen) ausdrücklich erwünscht. Sicht- und hörbare Reaktionen in Form von Räkeln, Seufzen, Schnurren tragen erheblich zum Gelingen der Massage bei, weil sich die Masseur*in noch besser auf die Empfänger*in einstellen kann. So wird der Selbstausdruck unmittelbar belohnt und es entsteht ein weiterer feedback loop, der erheblich zum Gelingen einer Massage beiträgt.

Dies ist natürlich eine sehr unvollständige Liste von Beispielen, wie die Tantramassage unser Leben und Erleben bereichern kann. Es wird zumindest deutlich, dass der Empfänger*in in der Tantramassage verschiedene Fertigkeiten vermittelt werden können, die in unserer heutigen Welt leider nicht selbstverständlich sind. Dies ist kein durchweg bewusster Prozess. Die Masseur*in richtet ihre Handlungen nicht auf dieses Ziel hin aus, sondern der „Lerneffekt“ resultiert aus ihrer inneren Haltung und der Struktur der Massage. Dieser Effekt erfolgt insofern, dass die massierte Person sich später an das Erlebte erinnert, oft unwillkürlich. Die in der Tantramassage neu erfahrenen Reaktionen können so bewusst oder unbewusst wiederholt werden und auf verschiedenen Ebenen ihre Wirkung entfalten. Das geschieht natürlich nicht zwangsläufig und selten so, wie oder wann man es erwartet oder sich gewünscht hat. Die „Reiseroute“ und ihr Ziel entziehen sich der Planbarkeit.

Lieben Dank an Eva für diese eindringliche Schilderung dessen, was man bei einer Tantramassage erleben und erspüren kann. Den ersten Teil des Artikels gibt’s hier.

Eva arbeitet seit 2013 hauptberuflich als Tantramasseurin. Man kann ihre Massage hier erleben.