Liebe in Aktion – Lernen in der Tantramassage, Teil 1

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photo credit: Oscar E. via Flickr cc

Mich haben schon oft nach der Massage Gäste gefragt: „Wie macht ihr das bloß?“ Wie gelingt es uns, völlig fremde Menschen so zu berühren? So zu berühren, dass man sich fühlt, als sei man wirklich und von Herzen geliebt und gewertschätzt, ganz genau so, wie man gerade ist. Dieses Gefühl erleichtert es der Empfänger*in enorm, sich für die Berührung zu öffnen. Ihr Vertrauen und ihre Hingabe ermöglichen es erst, dass die Massage ihre volle Wirkung entfalten kann.

Ich möchte hier versuchen, einen Teilaspekt dieser Fähigkeit zu erklären, der für mich persönlich wichtig ist. Jede Masseur*in hat natürlich ihre eigene Antwort auf diese Frage. Damit erläutere ich gleichzeitig einen Aspekt der Massage, der sie in meinen Augen gesellschaftlich relevant macht. Massagegeber *innen wie auch -empfänger*innen können in der Massage eine Menge lernen, das sie auf andere Lebensbereiche übertragen können.

Als Geberin lasse ich mit meiner inneren Haltung, meinem Gewahrsein und bewusstem Handeln in diesem Massageritual ein symbolhaftes Geschehen entstehen. Man kann die Tantramassage als Ritual deuten, das dazu dient, ein bestimmtes Ethos einzuüben. Auf diese Weise pflegt und trainiert sie bestimmte Tugenden, allen voran: Die Liebe.

Heutzutage tendieren wir dazu, „Liebe“ als ein Gefühl zu verstehen, das unter den richtigen Umständen einfach so passiert, und dem man sich nur hinzugeben braucht. Insbesondere in unseren romantischen Beziehungen führt diese Überzeugung zu nicht unerheblichen Problemen. Darum mag ich den Ansatz, Liebe als eine erlernbare Fertigkeit und Fähigkeit zu betrachten. Laut Erich Fromm enthält sie die Grundelemente Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem Anderen und Erkenntnis. Man kann sie auch als eine Haltung, eine Charakterorientierung des Menschen betrachten. Diese zu pflegen erfordert die Einübung bestimmter Tugenden wie Mut, Demut, Glaube und Disziplin.[1] Dies ist nicht so leicht, denn unsere derzeitige Gesellschaftsstruktur und Sozialisierung fördern diese Fähigkeiten nicht gerade, ganz im Gegenteil.

Gefühle des Getrenntseins, Isoliertseins, Verlorenseins, der Sinnlosigkeit und diffuser Gefahr machen es uns oft schwer, uns mit Menschen zu verbinden und vertrauensvoll zu öffnen. Die Liebe als Haltung, die unsere Bezogenheit zur Welt als Ganzem bestimmt, kann uns helfen, diese Gefühle zu überwinden und gleichzeitig unsere Integrität zu behalten. Fromm sieht den Wunsch nach zwischenmenschlicher Vereinigung als das stärkste Streben im Menschen. Und genau hierin liegt in meinen Augen ein wichtiger Grund für den tiefgehenden Effekt und die Relevanz der Massage: als Empfänger*innen können wir diesen Zustand im besten Falle erfahren, mindestens aber erahnen. Als Geber*innen können wir die Liebe als Fähigkeit üben. Das, was ich als Masseur*in lerne und übe, versuche ich auf andere Lebensbereiche zu übertragen. Dadurch wandelt sich meine Einstellung zur Welt, zu anderen Menschen, zu mir selbst.

Ein Beispiel: Beim Massieren bringen wir uns bewusst in einen Zustand des Respekts und der Fürsorge und drücken dies teilweise verbal, vor allem aber durch unsere Körper- und Berührungssprache aus. Diese respektvolle und fürsorgliche Haltung im Alltag (zum Beispiel in schwierigen Beziehungssituationen) beizubehalten, ist oft nicht leicht, aber sich hier in Disziplin zu üben, lohnt sich enorm.

Meines Erachtens wären tiefgreifende Veränderungen unserer Gesellschaftsstruktur nötig, um dieses Verständnis der Liebe als Praxis zu einem gesellschaftlichen Phänomen zu machen. Das Mindeste, was wir tun können, ist, unsere eigene kleine Welt schöner zu machen, ein gutes Leben zu leben und damit zum Vorbild für andere zu werden. Eine bewusste Praxis der Nächsten-, Selbst-, und Lebensliebe ist sicherlich ein guter Anfang. In der Massage können wir üben, einander „unbewaffnet“, schutzlos und verletzlich zu begegnen. Wir können mit uns selbst und miteinander wohlwollend, umsichtig und verantwortungsvoll umgehen. Wir können aufhören, nur das für „der Mühe wert“ zu halten, was uns Geld oder Ansehen bringt und die Übung, Kultivierung und Genuss der Liebe als Luxus anzusehen. Wir können aufhören, die Tantramassage als „ganz besonderen Schutzraum“, als außergewöhnliche Situation jenseits des „normalen Lebens“ anzusehen, denn sonst wird sie das – leider – bleiben.

[1] Erich Fromm: Die Kunst des Liebens. (1956) 60. Auflage, Frankfurt am Main 2003

Herzlichen Dank an Eva für den wunderbaren ersten Teil des Artikels, was man aus der Tantramassage lernen kann. Den zweiten Teil des Artikels gibt’s hier.

Eva arbeitet seit 2013 hauptberuflich als Tantramasseurin. Man kann ihre Massage hier erleben.