Eine berührbare Welt

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photo credit: TheZionView View via Flickr cc

Nicht ohne Grund gibt es so viele Menschen, die die Tantramassage mit Leidenschaft lernen, weiterentwickeln, ausüben und genießen, denn sie kann auf vielfältige Weise zu unserem Wohlbefinden beitragen. Tiefe Entspannung, Geborgenheit und sinnlicher Genuss sind an und für sich schon wertvoll, doch oft wirkt die Massage auf körperlicher, seelischer und spiritueller Ebene weit ins Leben hinein.

Ich arbeite im Ananda, einem der größten und ältesten Tantramassage-Institute in Deutschland, wo wir bewegt sind von dem „Wunsch, eine freie sexuelle Kultur mitzugestalten, sowie eine Auffassung von Sinnlichkeit, die sich nicht unter der Bettdecke versteckt, sondern gesellschaftlich präsent ist.“  Ich möchte hier noch einen Schritt weitergehen und einige Gedanken teilen über das Potential der Massage, zu einem gesellschaftlichen Wandel beizutragen. Inspiriert hat mich dabei Heike Pourians Buch Eine berührbare Welt. Contact Improvisation als gesellschaftsbewegende Kultur, in dem sie versucht, Antworten auf die Frage zu geben, wie die Contact Improvisation zum „Wandel in der Welt“ beitragen kann. Ich entdeckte hier viele Parallelen zur Tantramassage, vor allem hinsichtlich des Potentials, das ich in der Massage sehe, das aber meiner Ansicht nach (noch) nicht voll ausgeschöpft wird.

Ein „sexueller Bewusstseinswandel“

Vorweg: was meine ich mit „Wandel?“ Viele Menschen sind der Ansicht, dass wir in einer lebensfeindlichen Welt leben, und dies zeigt sich meiner Meinung nach sehr deutlich in unserer Liebes -, Körper- und sexuellen Kultur. Heike Pourian trifft meiner Ansicht nach ins Schwarze, wenn sie fragt: „Was sagt es über den Zustand der Menschheit aus, dass es etwas Neues, geradezu Revolutionäres ist, wenn Menschen sich die Erlaubnis geben, schlicht und einfach lebendig, berührbar und „zugänglich“ zu sein? Wo und wie sind wir denn unser Leben lang, wenn nicht lebendig und zugänglich? Ich möchte in einer Welt leben, in der es nicht die bemerkenswerte Ausnahme, sondern der Normalfall ist, wenn Menschen sich begegnen wie sie sind.“

Ich beziehe mich hier also auf einen Wandel in der sexuellen Kultur, der zuallererst ein Bewusstseinswandel ist. Ich möchte jedoch auch andeuten, dass Veränderungen in diesem Bereich weite Kreise in unserer Gesellschaft ziehen könnten. Genau aus diesem Grunde bleibt mir das, was wir machen, aktuell zu privat. Viele sind sich dessen bewusst, dass wir Menschen, eingezwängt von Fremdbestimmung und vermeintlich unabänderlichen Gegebenheiten, nicht unseren Bedürfnissen entsprechend leben, was in vielerlei Hinsicht Schaden anrichtet. Leider bleibt es häufig bei dieser Bewusstwerdung. Allzu bequem ist es, die Verantwortung anderen zuzuschieben: der Wirtschaft, den Großkonzernen, und allen voran „der Politik“. In meinen Augen entziehen wir uns unserer politischen Verantwortung, indem wir den Politikbegriff so eng fassen, dass er nichts mit uns zu tun hat. Wenn wir den Politikbegriff jedoch weiter fassen, als Gestaltung der Angelegenheiten des Gemeinwesens, kommen wir plötzlich auch selbst darin vor. Unsere Handlungen werden weit relevanter. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass wir die Welt, wie wir sie vorfinden, nicht erleiden müssen. Wenn wir uns selber als Künstlerinnen und Politikerinnen betrachten, werden wir automatisch zu Gestalterinnen einer lebenswerteren Welt. Nun wird es möglich – und wichtig -, das politische Potential der Tantramassage zu ergründen und zur Entfaltung zu bringen. Wenn wir mit der Ausübung der Massage nicht bloß Bewegungsfertigkeiten und Berührungskunst schulen und Wohlbefinden schenken wollen, brauchen wir nicht nur die Bereitschaft zur Selbstreflexion. Wir brauchen auch eine bewusste Ausrichtung auf die Frage, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten wir als Menschheit brauchen, und wie wir diese in der Massage kultivieren und üben können.

Raus aus der Blase

Wir müssen also eine Verknüpfung herstellen zwischen unserem Erleben bei der Massage und dem „echten Leben“. Aktuell ist die „Tantramassage-Szene“ (also die kommerziellen Massage-Institute, Ausbildungsinstitute, Massage-Austausch-Gruppen usw.) eine Art Gegenwelt, die den lebensfeindlichen Werten unserer kapitalistischen Weltordnung eine freundliche und lebensbejahende Subkultur entgegensetzt. Leider begeben wir „uns in solch eine Blase mit der Haltung, dort nicht einen machbaren Entwurf für den Wandel zu proben, sondern Linderung zu erfahren für unsern Schmerz an der alten Welt. Wir wollen Wellness-Urlaub machen, den wir uns bei all dem, was wir Tag für Tag ertragen müssen, auch wirklich verdient haben.“ (Heike Pourian). Könnten wir stattdessen versuchen, die Grenzen zwischen den Welten durchlässig zu machen und die Errungenschaften, die dieser geschützte Raum hervorbringt, „der Welt da draußen“ zugänglich zu machen?

Ich habe an anderer Stelle (hier und hier) ausführlich beschrieben, wie die Tantramassage uns Erfahrungen ermöglicht, die der Transformation des menschlichen Bewusstseins und Zusammenlebens dienlich sein können.

Eine der wichtigsten Botschaften der Massage ist in meinen Augen, dass sinnlicher und sexueller Genuss ein wesentlicher Bestandteil eines gelungenen und glücklichen Lebens sind und dass wir dem Priorität einräumen dürfen, vielleicht sogar müssen. Dazu gehört an erster Stelle die Bejahung des eigenen Körpers und der eigenen Lust, sowie „Sensibilität und Kundigkeit im körperlichen und sinnlichen Kontakt mit sich und anderen.“ Der Ethos der Massage lehrt außerdem Werte und Tugenden wie Mut, Hingabe, Selbstbestimmtheit, Achtung, Freude und Würde, Offenheit, Spielfreude. In unseren Alltag übertragen würden diese Werte zu einer Kultur des Vertrauens und der Lebensfreude beitragen, wo man menschliches Leben sich selbst organisieren und regulieren lassen könnte. Dies würde meines Erachtens weitreichende Konsequenzen für die Struktur unserer Gesellschaft haben.

Ein sinnliches Zukunftslabor

Was braucht es, um dies möglich zu machen? Ich habe auch noch keine konkreten Antworten. Unsere Haltung und innere Ausrichtung sind essenziell. Anstatt die Massage gezwungenermaßen(?) in die Logik des Geldes zu pressen und sie lediglich als Ware zu verkaufen oder zu konsumieren, könnten wir sie als Zukunftslabor betrachten. Das bedeutet, sie (wieder) als Forschungsraum ernst zu nehmen und zu nutzen. Warum die Trennung zwischen Lustvollem, Lehrreichem und Broterwerb? Es darf genüsslich sein. Verspielt, erotisch, wild, innig, lustvoll. Die Tantramassage wurde nicht als Methode oder Werkzeug ersonnen, um die Welt zu retten. Sie ist eine künstlerische Praxis, die kollektiv und forschend entwickelt wurde, und zwar aus reiner Lust am Spiel mit Körperlichkeit und Sexualität. In meinen Augen liegt genau hier ihr großes transformatorisches Potential: Spaß, Spiel und Sinnlichkeit als wegweisende Werte.

Viele glauben, dass der anstehende Wandel nicht in Form einer gigantischen Revolution passieren wird, sondern in vielen winzigen Schritten. Wir könnten immer neue Forschungsräume schaffen, neue Fragen generieren, Selbstermächtigung durch Wahrnehmung ermöglichen. Wir können Räume schaffen, wo wir unsere, „andere“ Kultur erlebbar machen. Sicherlich gibt es noch viele andere Möglichkeiten, die Tantramassage in den Dienst einer Welt im Wandel zu stellen. Ich freue mich darauf, sie zu erfinden und zu erforschen.

Vielen Dank an Eva für diesen inspirierenden Gastartikel!

Eva arbeitet seit 2013 hauptberuflich als Tantramasseurin. Man kann ihre Massage hier erleben.