Was Menschen suchen, die Gemeinschaft suchen

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photo credit: d-olwen-dee via Flickr cc

Eigentlich bin ich nach Berlin gezogen, um Menschen zu finden, die mit mir eine Gemeinschaft aufbauen wollen. Ich hatte bisher nur einmal in meinem Leben alleine gewohnt und empfand die Zeit damals bedrückend. Es ist nicht so, dass ich nicht alleine sein kann – im Gegenteil, ich brauche oft auch meinen eigenen Rückzugsort, um zur Ruhe zu kommen. Aber genauso brauche ich auch vertraute Menschen, die mich inspirieren oder aufmuntern, um mich herum. In den Wohngemeinschaften, in denen ich als Student gewohnt habe, hatte ich zwar mit meinen Mitbewohnern einen lockeren freundschaftlichen Umgang, aber um wirklich sehr vertraute Freunde zu treffen, musste ich mich außerhalb verabreden. Da wäre es doch viel praktischer, wenn man zusammen wohnen würde!?

Ein zweites Thema für die Entscheidung eine Gemeinschaft zu gründen war es, dass ich das Idealbild einer Kleinfamilie als beklemmend empfinde. Immerhin wird es immer moderner, dass Partner versuchen zu vermeiden, in „Ernährer“- oder „Erzieher“-Rollen zu schlüpfen, und alternative Beziehungsmöglichkeiten suchen. Ich finde, das geht nicht weit genug, und würde da gerne ein gesellschaftliches Thema daraus machen – ganz nach dem Motto „es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“ (siehe dazu auch meinen Artikel Ein alternatives Familienkonzept).

Aber wie das Leben nun mal so ist, kommt es oft anders als man denkt und so bin ich zu dem Öko-Dorf „Sieben Linden“ gefahren. Mein Gemeinschaftsgründungsprojekt war ins Stocken geraten und ich erhoffte mir neue Inspiration. Stattdessen fand ich heraus, dass meine Vorurteile gegenüber Öko-Dörfern und Kommunen unbegründet sind und es mich nicht so viel Energie kosten würde, mich einer bestehenden Gemeinschaft anzuschließen wie wenn ich eine neue Gemeinschaft gründen würde. Also besorgte ich mir das Buch „Eurotopia“, ging alle deutschen Gemeinschaften durch, machte mir eine Auswahlliste von Projekten, die mir zusagten, und meldete mich schließlich bei den ausgewählten Projekten für die Infowochenenden an – der Start eines dreimonatigen Gemeinschaftssuche-Marathons.

Dabei suchte ich gezielt nach Gemeinschaften, die folgenden Kriterien entsprachen:

  • Groß genug, so dass ich meine Kompetenz als Architekt in die Gemeinschaft einbringen kann.
  • Nicht ideologisch, damit man pragmatische Lösungen finden kann, und möglichst divers, damit man nicht in seiner „bubble“ bleibt oder den Bezug zur Realität verliert.
  • Sie sollte so strukturiert sein, dass innerhalb einer größeren Versorgungsgemeinschaft kleinere Gemeinschaften, die sich um ihr eigenes Wohnprojekt (z.B. gemeinsam Kinder erziehen) kümmern, bestehen und nicht zwingend immer alles mit allen gemacht werden muss.
  • Da ich selbst noch nicht die richtigen Menschen gefunden habe, die mit mir eine Familie gründen wollen, sollte die Gemeinschaft ein gewisses Maß an Fluktuation besitzen. Außerdem ist die Fluktuation auch vorteilhaft, nicht in seiner „bubble“ gefangen zu sein.

Nun neigt sich langsam meine Gemeinschaftssuche dem Ende entgegen und die Suche hat mich verändert. Diese Transformation ist einen oder zwei Artikel wert, die ich in den kommenden Monaten schreiben werde, aber zum Ende dieses Artikels will ich von etwas anderem berichten: Die Menschen, die ich während meiner Suche kennengelernt habe und die ebenfalls auf der Suche sind, haben oft bestimmte Sehnsüchte, die sie dazu bewegen, in eine Gemeinschaft ziehen zu wollen.

Der große Unterschied zwischen der Konsum-Gesellschaft und den Öko-Dörfern ist zum einen der zwischenmenschliche Umgang und zum anderen die Möglichkeit, ein bewusstes bzw. selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die meisten Menschen, die sich für Gemeinschaften interessieren, suchen beides, aber welches Bedürfnis damit genau zusammenhängt, ist wiederum sehr unterschiedlich – im Detail:

Der zwischenmenschliche Umgang

So viele und unterschiedliche Menschen auf einem Haufen zu haben, ist schon schwierig. Aber dann auch noch der Wunsch, jeden Menschen zu kennen, sollte eigentlich eine Gemeinschaft schon fast unmöglich machen. Aber da es die vielen Kommunen und Öko-Dörfer in Deutschland schon seit bis zu 30 Jahren gibt, wurden für das Zusammenleben Methoden entwickelt. Mit unterschiedlichen Gemeinschaftsbildungsmaßnahmen werden alle Menschen einander näher gebracht. Man lernt seine Mitmenschen besser zu wertschätzen, sich authentisch auszudrücken und dadurch verstanden zu werden, aber auch die Bedürfnisse seiner Mitmenschen so zu erleben, dass man gerne seine Hilfe und Unterstützung anbietet. Sicherlich kann man das alles auch bei ein paar sehr guten Freunden erfahren, aber es hat eine ganz andere Wirkung, wenn es durch (fast) alle Menschen in deinem Umfeld erfahrbar wird.

Das selbstbestimmte Leben

In unserer Konsum-Gesellschaft wissen wir in den seltensten Fällen, für wen wir die Produkte herstellen oder von wem die Produkte, die wir kaufen, hergestellt wurden. Natürlich muss man auch in den Gemeinschaften vieles „von außen“ dazu kaufen und, um sich das leisten zu können, auch Produkte „nach außen“ verkaufen. Aber dennoch wird – gerade wenn es um Ernährung geht – einiges in der Gemeinschaft hergestellt. Für viele Menschen ist diese Arbeit deswegen eine sinngebende Tätigkeit. In unserer Konsum-Gesellschaft werden die Menschen dazu erzogen, unendlich viel zu wollen. Aber was braucht man davon wirklich? Manche Menschen suchen die Flucht vor dem Kaufwahn und vor der Verzweiflung, nicht mehr zu wissen, was man aus „freiem Willen“ konsumiert hat. Wenn man aus dem Umfeld unserer Konsumgesellschaft entflohen ist, kann man sich durch das eher einfache Leben in Gemeinschaften besser auf sich selbst besinnen und herausfinden, welche Bedürfnisse man hat und wie man diese kreativ selbst stillen kann – anstatt sich mit Produkten gierig vollzustopfen. Dies führt zu etwas, was viele der Suchenden als „sich selbst wieder spüren“ oder sogar als Heilung beschreiben.

Ich glaube, bei mir persönlich ist das alles nicht so gefühlsbetont geladen. Aber die Sehnsucht, die dahinter steckt, kann ich sehr gut nachvollziehen. Auf jeden Fall sind es gute Gründe, etwas an seinem Leben zu ändern.