Mitfreude

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photo credit: Britt Selvitelle via Flickr cc

Mitfreude: Bezeichnet das Gefühl, das man empfindet, wenn man an der Freude eines anderen Menschen teilnimmt. Sie wird gerne verwendet, um die positiven Empfindungen zu beschreiben, die man erleben kann, wenn man die Freude eines Partners über eine sexuelle und /oder romantische Beziehung zu einem anderen Partner teilt. Sie wird häufig als das Gegenteil von Eifersucht bezeichnet.

Mitfreude ist ein interessantes Konzept für mich. Ich mag die Idee dahinter und generell möchte ich natürlich gern, dass sich Herzensmenschen mitfreuen, wenn mir schöne Erlebnisse widerfahren. Ich frage mich jedoch, wie viele von uns dieses Gefühl tatsächlich so losgelöst kennen.

Ich denke, dass ich eigentlich ziemlich prädestiniert dafür bin, Mitfreude zu empfinden. Ich habe normalerweise sehr wenig mit Eifersucht zu kämpfen, weder in Bezug auf meine Freunde noch in Bezug auf meine Beziehungspartner (oder Geschwister). Ich habe selten das Gefühl, dass mir Sachen weggenommen werden, wenn ein mir nahe stehender Mensch seine Aufmerksamkeit, Liebe, Zuneigung gerade auf einen anderen Menschen konzentriert. Das hat wenig damit zu tun, dass ich besonders reflektiert bin oder einen besonders fortgeschrittenen emotionalen Reifegrad erreicht habe, sondern dass ich sehr viele Menschen in meinem Leben habe und Projekte in der Hinterhand, mit denen ich gerne Zeit verbringen möchte. Deswegen schätze ich es sehr, wenn Menschen auch wieder ihre eigenen Wege gehen (ich freue mich dafür umso mehr, sie dann endlich wiederzusehen). 

Ich kenne jedoch die Gefühle von Unsicherheiten und Unzufriedenheit mit mir selbst und diese können getriggert werden, wenn ich sehe, wie andere Menschen mit ihren Zielen Erfolg haben oder Projekte verwirklichen, an denen ich mich auch gerne versuchen würde. Dann freue ich mich natürlich immer noch für die Erfolge meiner Liebsten, aber diese Freude wird meistens nur durch einen Filter der Selbstkritik wahrgenommen. Bis jetzt kenne ich eher das Gefühl von innerer Zufriedenheit, wenn ich weiß, dass mir wichtige Menschen tolle Erlebnisse haben, als ein starkes Gefühl der Freude.

Und ich habe noch ein zweites Gefühl identifiziert, das mich manchmal daran hindert, Mitfreude genießen zu können: die Unsicherheit im Hinblick auf eine mögliche Veränderung in der Beziehung mit dem Freund oder Partner (ja, ich kenne das Gefühl bei allen engeren Beziehungen). Ich mache mir keine Sorgen, dass die Zuneigung des lieben Menschen für mich weniger werden könnte, aber jeder von uns kennt die Problematik, dass unsere Zeit nicht unendlich ist. Neue Menschen und Projekte können eine Verschiebung in der Zeiteinteilung bedeuten und hier kommen tatsächlich manchmal egoistische Gedanken zum Vorschein, die die Mitfreude dämpfen können.

Absurderweise ist mir erst vor einigen Tagen in der Bahn aufgefallen, dass die reinste Form der Mitfreude, die ich bei vielen Menschen in meiner Umgebung wahrnehme, durch glücklich durch die Gegend laufende Kinder ausgelöst wird. Vielleicht ist Freude tatsächlich am einfachsten zu teilen, wenn wir sie in jemandem wahrnehmen, mit dem wir uns kaum vergleichen können. Ein fröhlich herumtollendes Kind (für mich als introvertierten Menschen hilft es, wenn es nicht zu laut tollt), zu dem ich keinen Bezug habe, verunsichert mich nicht darin, warum ich nicht auch so glücklich bin oder warum ich nicht auch gerade so eine tolle Sache erreicht habe. Ich kann an der unbändigen Freude auf Entfernung teilhaben, ohne dass mich eigene Unsicherheiten belasten.

Ich denke, Mitfreude ist nicht nur das Gegenteil von Eifersucht, ich denke, sie setzt eine sehr ausgeprägte Selbstsicherheit sowie Selbstgenügsamkeit voraus. Und in meinem Fall auch das Beiseiteschieben der Bequemlichkeit, sich aus dem angenehmen Jetzt-Zustand nicht herausbewegen zu wollen. Ich mache mir interessanterweise sehr selten Sorgen darüber, dass ich mit den neuen Zuständen nicht zurecht kommen könnte, es ist eher ein gewisser Unwille sein Leben neu strukturieren zu müssen.

Vor einigen Jahren hatte ich ein Erlebnis, das mich noch zu einer dritten Erkenntnis über meine Wahrnehmung der Mitfreude gebracht hat. Ich hatte damals eine körperlich intime Affäre mit einem Freund, der zu dem Zeitpunkt auch an einer Freundin von mir interessiert war. Die beiden sind sich an einem Abend dann näher gekommen und als ich einige Tage später davon erfahren habe, hat mich das  erstmal komplett aus der Bahn geworfen und ich habe sehr irritiert auf diesen Umstand reagiert. Der besagte Freund reagierte zu dem Zeitpunkt sogar recht positiv auf meine vermeintliche Eifersucht (ich war es gewohnt, in der Zeit, bevor ich das Konzept der Polyamorie kannte, eine emotionale Distanz in körperlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten), bis ich ihm erklärt habe, dass ich kein Problem mit den Entwicklungen zwischen den beiden hatte, aber das Gefühl nicht mochte, an ihrem Erlebnis nicht teilhaben zu können und mich darüber freuen zu dürfen. Ich fühlte mich um meine Mitfreude betrogen. Egal wie sehr mich Unsicherheiten manchmal daran hindern, diese Emotion ungetrübt erleben zu können, so ist es mir doch sehr wichtig, am Leben von meinen Herzensmenschen teilhaben zu können. In meinen Augen hat man nie das Recht, das Wissen um die Erlebnisse, Erfahrungen, Gefühle aus dem Leben eines anderen Menschen einzufordern – aber mir persönlich ist es in Beziehungen sehr wichtig, an den emotional bedeutenden Momenten mit meinen Lieben mitfühlen zu können (egal ob es sich um Freude, Trauer, Ärger, Enttäuschung oder andere Gefühle handelt).