Eingebildete Gefühle

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Ja, ich weiß, bei der Überschrift werden so und so viele entsetzt aufschreien – Gefühle sind ja so authentisch und wichtig und man sollte sie zeigen und überhaupt.

Bullshit.

Ich bin der Ansicht, dass mein Leben sehr viel glatter laufen würde, wenn ich weniger Gefühle hätte. Und das vieler anderer auch. Zugegebenermaßen gehöre ich sowieso schon zu den Menschen, die eher ausgeglichen und weniger emotional als andere sind. Aber trotzdem empfinde ich immer wieder jede Menge Gefühle, die beispielsweise Spielbeziehungen kompliziert machen. Oder unmöglich. Oder halb kaputt.

Ich bin nicht komplett gegen Gefühle. Gefühle zeigen, wenn etwas schief läuft, oder wenn man sich mit einer Entscheidung, die rational getroffen wurde, nicht gut fühlt. Und auf zwischenmenschlicher Ebene geben Gefühle Hinweise, dass mit einer anderen Person gerade etwas nicht stimmt oder dass man über bestimmte Sachen mal reden sollte. Es gibt aber auch eher unerwünschte Gefühle, zum Beispiel in Beziehungen, die auf einer freundschaftlichen Ebene laufen, Intimitäten beinhalten, aber aus Gründen wie beispielsweise einer anderen Hauptbeziehung so geplant sind, dass sie keine romantischen Gefühle beinhalten. Bei mir kommen aber immer wieder welche rein.

Blöderweise fällt es mir im ersten Moment oft schwer, zwischen „richtigen“ und „eingebildeten“ Gefühlen zu unterscheiden. „Richtige“ Gefühle sind, wenn ich beispielsweise Verliebtheit über einen längeren Zeitraum hinweg empfinde. Das fühlt sich ziemlich heftig an und relativiert sich nicht nach ein paar Tagen von selbst. „Eingebildete“ Gefühle sind Gefühlsausbrüche, die ihre Ursache in einem mehr oder weniger konkreten Ereignis haben und sich nach ein paar Tagen wieder beruhigen. Ein positives Beispiel dafür ist, wenn ich irgendein neues BDSM-Erlebnis hatte, das mich mehrere Tage schweben lässt, was meist auch auch auf die Person, die es mir bereitet hat, zurückstrahlt. Aus negativer Sicht beginne ich zum Beispiel, Verlustängste oder Eifersucht – beides untypisch für mich – aufzubauen, weil sich die andere Person nicht meldet und ich mir ihrer nicht sicher bin. Ich habe, auch in Freundschaften, festgestellt, dass ich – je nach Nähe der Person – ein gewisses Maß an Kommunikation und regelmäßigem Feedback brauche. Um zum einen sicher zu sein, dass unser beiderseitiges Verhältnis okay ist, und zum anderen natürlich auch, um zu wissen, ob es der anderen Person gut geht. Wenn ich das nicht kriege, überreagiere ich.

Mittlerweile weiß ich: Diese „eingebildeten“ Gefühle sind die, die ich regulieren kann. Die ich – wenn sie komplett eingebildet sind – einfach aussitzen kann, und die ich – wenn sie eine Ursache haben – bekämpfen kann, indem ich das Gespräch mit meinem Partner suche und versuche, die Ursachen abzubauen.

Es ist so: Ich fühle und liebe gern und werde auch gern geliebt. Aber ich finde es äußerst nervig, wenn mir irgendwelche Pseudo-Gefühle schöne Erlebnisse erstmal versauen, weil ich sie abbauen und rational ergründen muss. Ich habe herausgefunden, dass ich darauf achten muss, mich in diesen „eingebildeten“ Gefühlen nicht zu verlieren – im ersten Moment fühlen die sich nämlich genauso an wie die „richtigen“. Daher muss ich bei heftigen Gefühlsausbrüchen zuerst Abstand gewinnen und in Ruhe nachdenken, was jetzt genau los ist.

Das nervt mich deshalb, weil ich eigentlich gern komplett unbefangen in Bezug auf meine Gefühle wäre. Ich würde gern aus dem Bauch heraus sagen „ich fühle mich gut“ oder „ich fühle mich schlecht“. Stattdessen bremse ich mich selbst und sage „ich überlege nochmal ein, zwei Tage, wie ich mich fühle, weil ich mir gerade selbst nicht sicher bin“. Das ist zum Glück nicht bei allen Gefühlen so, sondern vor allem bei denen, bei denen es irgendwie um Liebe oder Verliebtheit geht. Vielleicht fehlt mir in diesem speziellen Gebiet einfach noch Erfahrung und ich werde gelassener mit der Zeit. Zumindest hoffe ich, dass es so sein wird.