Sex während der Periode

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Gastartikel von Myra:

„Wir alle kennen die inneren Stimmen, die uns zurückhalten.“

Mit diesem Satz beginnt ein Werbespot der Tampon-Marke o.b. aus dem Jahr 2017. Junge, weiße Frauen werden erst zögernd gezeigt, dann dazu aufgefordert, es ‚einfach zu tun‘ – und plötzlich sind sie, dem Narrativ des Spots folgend, fröhlich-aktiv, trotz Periode und dank o.b. – bei der Arbeit, beim Weggehen, Klettern, Schwimmen. Trotz Periode, dank o.b.

„Hör nicht länger drauf, tu’s!“ fordert der Spot, denn die periodische Blutung gilt immer noch als einschränkend, unhygienisch, schmutzig. Ich weiß noch, wie selbstverständlich es während meiner Schulzeit war, während der Periode nicht am Schwimmunterricht teilzunehmen; und dass unsere Lehrerin irgendwann anfing, eine Liste mit den Blutungstagen der „Betroffenen“ zu führen, um nachzuvollziehen, wann das Hindernis „real“ war und wann es sich um eine Ausrede handelte.

Ganz selbstverständlich lernten wir so, dass die Zeit der Blutung (unabhängig von physischen Beschwerden) einen Ausnahmezustand darstellte – Schwimmen war tabu, Blutflecken auf der Kleidung undenkbar und ging mensch mit Tampon aufs Klo, so wurde dieser sorgfältig in der Hand verborgen. Für die sexuellen Gefilde potenzierte sich diese gelernte Scham ganz selbstverständlich.

Enge, Blut, Schmerz

In der Anfangszeit meiner sexuellen Aktivität war ich allgemein so dermaßen angespannt und unsicher, dass es mir sehr schwerfiel, über meine Körperlichkeit zu sprechen. Statt Lust prägte Angst mein Erleben – Angst davor, nicht gut genug zu sein; Angst, nicht feucht genug zu werden. Umso erleichterter war ich, als mein damaliger Freund meine Vulva eines Abends berührte und starke Feuchtigkeit spürte. Er interpretierte sie als Erregung, reagierte enthusiastisch; und ich, von mir selbst entkoppelt wie ich eben war, registrierte nur Nässe. Die Penetration meiner Vulva und sein Orgasmus folgten, alles war wie immer, nur nasser und – leider, leider – blutiger, wie der spätere Blick auf unsere Körper und das Laken offenbarte. Meine Periode war verfrüht gekommen. Ich verschwand verschämt im Badezimmer und spülte für die verbleibenden Tage, die ich bei ihm war, meine Tampons im Klo herunter, denn es gab keinen Mülleimer in diesem Bad. Irgendwann verstopfte das Rohr, ich reiste ab. Wir sahen uns nie wieder.

Es folgten Jahre, in denen ich Sexuelles in blutenden Phasen vermied. Irgendwann ließ ich mir eine Hormonspirale legen, um dieses elendige Thema endlich loszuwerden.

Aufbruch

Nach fünf blutlosen Jahren jedoch belastete mich die Unsichtbarkeit meines Zyklus stärker, als ich es je erwartet hatte. Ich ließ die Spirale ziehen und begab mich auf das Abenteuer der Neuentdeckung. War diese monatliche Blutung wirklich so schlimm, wie ich es erinnerte? Und so stark, wie ich glaubte?

Ich hatte in der Zwischenzeit einen lustvollen, bejahenden Zugang zu meiner Erotik und Sexualität gefunden, Orgasmen entdeckt und mir die Sprache dort erkämpft, wo ich einst stumm schwieg. Ich hatte mein „Ja!“ Und mein „Nein!“ entwickelt und ich wusste, wie Lust schmeckt. Musste ich wirklich eine ganze Woche pro Monat ohne Sex sein? Oder ging das nicht auch irgendwie anders?

Erneut half die Sprache. Ich begann absichtsvolle Gespräche mit Fremden und Lieblingsmenschen gleichermaßen. Mit der Sprache kam Selbstverständlichkeit, der Ausnahmezustand des Blutens wurde normalisiert. Erschreckende Entdeckungen folgten: niemand brachte meinem Blut vergleichbaren Ekel entgegen wie ich! Sex hilft (mir) gegen Krämpfe! Und, ganz ehrlich, warum sollte ich meine Körperlichkeit mit jemandem teilen, der*die bitte schön nichts von ihr mitbekommen möchte?

Praktischer Umgang

Zunächst jedoch blieb der praktische Umgang mit meinem Blut problematisch. Untergelegte Handtücher waren unpraktisch, Orales mit Blutbeilage dann eben doch nicht so lecker, Tampons trockneten meine Vagina aus, Immer-direkt-duschen-müssen nervig … und dann der ganze Müll!

Menstruationstassen verbesserten die Situationen deutlich. Mittlerweile ergänze ich diese mit Menstruationsschwämmchen, wenn meine Blutung schwächer ist und/oder ich erotisch aktiv werden möchte. Gerade von den Schwämmchen bin ich arg begeistert – mensch kann sie passend zurechtschneiden und im Unterschied zu Tampons trocknen sie meine Vulva nicht aus. Sie sind mehrere Monate lang wiederverwendbar, wenn mensch sie gelegentlich mit Apfelessig oder Teebaumöl einweicht. Mit dem Schwämmchen ist ein fließender Übergang möglich, weil keine Tasse vorsichtig entfernt werden muss, und scheinbar spürt die penetrierende Person sie kaum. Einziges Manko, das ich bislang feststellen konnte: bei einer gewissen Penetrationstiefe braucht es manchmal Geduld und lange Finger, um das Schwämmchen wieder ans Tageslicht zu befördern. Partner*innen ohne Berührungsängste können dabei hilfreich sein – aber im Zweifelsfall reichen Geduld und Schwerkraft ebenfalls, verschwinden kann in diesen körperlichen Regionen zum Glück nichts. 😉

Allgemein kann ich jede*n nur ermutigen, die mit der Menstruation einhergehenden „Selbstverständlichkeiten“ zu hinterfragen. Nicht jede*r wird ähnlich begeistert vom Periodensex sein, wie ich es mittlerweile bin. Aber eine jede Prüfung der eigenen Glaubenssätze hat einen emanzipatorischen Kern, ganz gleich, welches Ergebnis sie bringt. Auch wenn im Außen alles bleibt wie es ist – ohne die entselbstverständlichende Prüfung folge ich blind dem Diktat von Erziehung und o.b. Nach dieser Prüfung jedoch realisiere ich meine Bedürfnisse und Prioritäten. Damit bejahe ich mich, mein Blut, meine Lust – unabhängig, ob dies zölibatäre Phasen oder vampiresk anmutende, blutige Orgien bedeutet.

(Im zweiten Szenario allerdings: SaferSex nicht vergessen! 😉)

Vielen Dank, Myra, für diesen großartigen Artikel. Da wir das Thema total wichtig finden und schon längere Zeit auf unserer Themenliste hatten, freut es uns umso mehr, dass es jetzt so spontan geklappt hat!

Myra lebt im Südwesten der Republik und ist seit einigen Jahren innerlich wie äußerlich forschend in Grenzgebieten unterwegs. Aktuell dreht sich ihr Denken primär um Kink, Sex im Kapitalismus und das Thema Tod. Daneben bewegt sie sich auf das Ende ihres Studiums zu. Das Danach bleibt offen.