Solo-Polyamorie – was bleibt?

Foto mehrerer Rolltreppen

photo credit: Sivi Steys via Flickr cc

Was ist es, was du in zwischenmenschlichen Begegnungen suchst? Begierde,  Verlangen, Eifersucht, Abenteuerlust, Neugierde, Spielereien, Nächstenliebe, Sicherheit, Beständigkeit, Vertrauen, Erfolg, Macht, Ansehen, Sehnsucht, Wahnsinn oder etwas ganz anderes? Ich stelle diese Frage, da ich mich von den von mir erwähnten Kategorien der Beziehungsformen im folgenden Artikel befreien möchte und eine andere Betrachtungsweise brauche. Wie peregrin beschrieb, hatte ich nämlich die  Solo-Polyamorie namentlich nicht aufgeführt, da es mir schwer fällt sie, entweder in „freie Liebe“ oder in „Beziehungsanarchie“ einzusortieren – zumindest, wenn man wie ich Beziehungsformen nur nach der Art der Beziehungsverträge unterscheidet. Zur Gestaltung der Beziehungsverträge machen die Vertreter der Solopolyamorie zwar Empfehlungen, aber keine Vorgaben.

Zurück zur Ausgangsfrage: Je  nachdem, was du in zwischenmenschlichen Begegnungen suchst, wirst du mehr oder weniger Kontakt suchen – und alles, was du tust bzw. wie du mit Anderen interagierst, verändert oder zumindest beeinflusst dein Umfeld. Aber noch viel wichtiger ist, dass man durch Interaktion eine soziale Identität speziell mit den beteiligten Menschen erzeugt.

Soziale Identität beinhaltet drei identifizierbare Eigenschaften: Erstens lokalisiert sie die Person in einer sozialen Umgebung, die länger anhaltend ist als irgendeine bestimmte Situation. Zweitens beschreibt sie das Gefühl der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, das für das Individuum ebenfalls identitätsstiftend wirkt. Jedes Individuum besitzt dementsprechend mehrere Identitäten (so genannte rollenspezifische Identitäten), die aus der Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen auf unterschiedlicher Mikro- (z.B. Familie, Freundeskreis, Beruf, Wohnort, Sportverein) und Makroebene (z.B. Nation) resultieren und sich unter dem Begriff der Sozialen Identität zusammenfassen lassen. Und drittens verwandelt Identifikation soziale Kategorien in funktionale Gemeinschaften. Soziale Identitäten sind vollendet und perfekt, wenn die Art, wie eine Person sich gibt, damit übereinstimmt, wie andere diese Person einschätzen und in der Gesellschaft einordnen. (Vgl. Hewitt, John P. 2002: Self and society: a symbolic interactionist social psychology)

Bevor ich meinen Appell, auf diese soziale Identität speziell in Beziehungen zu achten, ausformuliere, muss ich noch die Definition von „singleish“ auf der Webseite von Polly ins Deutsche übersetzen, die beschreibend für das „solo“ in Solo Polyamorie steht:​

„Singleish beschreibt die nicht-monogame Haltung für intime Beziehungen, in denen die Individuen keine Form von primären (primary), verpflichtend intimen oder romantischen Beziehungen führen, sondern Dating-Erfahrungen sammeln oder mehrere Menschen zur gleichen Zeit treffen wollen, ohne die Erwartung, dass daraus Verbindlichkeiten für lange Zeit entstehen – wie z.B. durch den Beziehungsaufzug (relationship excalator). Diese Personen müssen von sog. „Playern“ unterschieden werden, da sie Ehrlichkeit und Integrität in ihr Dating-Verhalten einbringen, ohne die Beziehungen vor anderen Personen, die sie treffen, zu verbergen.“

Vielleicht hast du selber schon singleish gelebt. Vielleicht warst du irgendwann in so einer Phase an dem Punkt angekommen, dass deine Partner nicht glaubten, man könne mit dir eine längere Beziehung führen, nur weil du in so einer Phase deines Lebens nicht die klassischen Bestandteile eines Beziehungsvertrages gesucht hast. Vielleicht bist du nach solchen Phasen monogam geworden, weil dir z.B. die Sicherheit fehlte oder das Vertrauen nicht tief genug war. Dabei wäre es doch viel schöner, wenn man die Vorzüge einer frivolen Paarungsphase mit mehr Beständigkeit und Verpflichtung kombinieren könnte, ohne gleich auf klassische Bestandteile eines Beziehungsvertrages zurückzugreifen, wie es z.B. die Solo-Polyamorie tut. peregrin gibt hier ein gutes Beispiel, wie man in der Solo-Polyamorie aufmerksam auf die Bedürfnisse, Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen des Partners aufpasst und genügend Rücksicht nimmt, und ebenso die die eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen berücksichtigt, woraus beständige Beziehungen entstehen können.

Leider ist die Solopolyamorie – an sich – jedoch keine Garantie, dass die Akteure dieser Empfehlung auch ​folgen, denn wie eingangs erwähnt lassen die Verfechter der Solo-Polyamorie bei der Gestaltung von Beziehungsverträgen einen vergleichsweise großen Spielraum offen. Durch ein aufmerksames und rücksichtsvolles Verhalten wird früher oder später soziale Identität für die Beziehung(en) gebildet und diese kann von manchen Menschen als beengend empfunden werden oder zu einer Zugehörigkeit führen, die sie ursprünglich nicht beabsichtigten. Wenn man beabsichtigt, eine starke Bindung aufzulösen, sollte man sich bewusst sein, dass nicht nur die eigene soziale Identität zu der/den Beziehung(en) aufgegeben wird, sondern auch die des/der Partner.

Und versucht man, jede Form von sozialer Identität von vorneherein zu vermeiden, ist man meiner Meinung nach auf dieser Welt nur zu Besuch. Nur zu Besuch sein bedeutet in diesem Zusammenhang, dass du vielleicht gern neue Erfahrungen mit neuen Menschen machen möchtest, aber nicht ein Teil von ihnen werden willst – also vollkommen autonom bleibst. Das ist sehr nützlich, wenn dir die Freiheit sehr wichtig ist und dir die daraus resultierende Selbstständigkeit Sicherheit geben kann. Aber was nimmst du dann aus deiner/deinen Beziehung(en) mit? Und was lässt du zurück? Hast du dich schon mal mit deinem Umfeld identifiziert und gespürt, dass es genau das ist, was du sein willst? Hast du dich darauf eingelassen, so zu werden?

Kurz: Was bleibt? Was bleibt, wenn du gehst? Und was bleibt, wenn du bleibst? Man muss sich ja nicht gleich aufopfern oder aufgeben, aber letztendlich bist du auch nur die Summe der Erfahrungen und Veränderungen, die durch andere herbeigeführt wurden. Also warum sich nicht bewusst auf ein Umfeld mit allen Einschränkungen, Veränderungen und Verpflichtungen, die damit verhandelt/vereinbart werden müssen, einlassen?

Ich habe auf diese Fragen auch keine Antworten. Vermutlich lassen sich diese Fragen nicht kognitiv beantworten. Wahrscheinlich können wir uns nur auf unsere Gefühle verlassen, um achtsam zu sein, auch wenn – oder gerade weil – man sich nicht sicher sein kann. Für mich selbst habe ich herausgefunden, dass es mir an Beständigkeit in meinen Beziehungen oft fehlt. Ich bin noch am Experimentieren, wie man diese erreichen kann. Oder habt ihr einen guten Vorschlag für mich?