CASUAL SEX? CASUAL LOVE! CASUAL CARE!

Gastartikel von Keo So:

Ich bin ein wandelndes Paradoxon. Ich bin eine sexuell befreite Frau. Zumindest soll ich mich sexuell befreit fühlen.

Ich lebe in einer Welt, in der ich auf meine Sexualität, auf meinen Körper, reduziert werde. Und in einer Welt, in der Frauen seit mindestens tausendfünfhundert Jahren durch und für die Sexualität versklavt wurden.

Doch seit ein paar Jahrzehnten bin ich nun also angeblich sexuell befreit. Soll ich mich also sexuell befreit fühlen.

„Freie Liebe“ haben sie propagiert, und nicht Liebe gemacht, sondern vor allem Sex.

Ich soll casual Sex haben, und ich finde ihn an jeder Straßenecke, wenn ich mag. Aber casual Love geben mir wenige Menschen, und casual Care noch weniger.

War nicht einst die viel kritisierte Ehe ein Komplettpaket – aus Sex und Fürsorge? Ist nicht die romantische Zweierbeziehung ein Komplettpaket aus Liebe, Sex und Fürsorge?

Warum wurde dann der Sex aus Ehe und Partnerschaft befreit – aber nicht Liebe und Fürsorge?

Und wurde Sex überhaupt befreit – für mich, für eine Frau?

Weibliche Lust: lange ein Mysterium

Ich habe erst letztes Jahr gelernt, wie eine Klitoris aufgebaut ist. Erst mit 32 Jahren gelernt, wie weibliche Lust funktioniert.

Erst mit 32 begann ich mir Gedanken zu machen, warum im Porno nur Stellungen gezeigt werden, die mich im realen Leben nicht befriedigen.

Die Klitoris wurde erst 13 Jahre nach meiner Geburt, 1998, erstmals anatomisch im Detail beschrieben. Und viele Ärzte glauben heute noch, sie sei ein kleines, äußeres Organ. Kein Wunder also, dass ich so lange nichts über sie und über die Funktion weiblicher Orgasmen wusste.

Wie die Klitoris funktioniert, das habe ich 10 Jahre nach der Erkenntnis gelernt, dass die Pille mich depressiv macht.

Auch 10 Jahre nach der Erkenntnis, dass ich in dieser Gesellschaft nicht in der Lage wäre, ohne Unterstützung durch meine Familie, durch einen Mann oder durch den Staat für ein Kind aufzukommen. 10 Jahre nach der Erkenntnis, dass ein Kind das größte Altersarmutsrisiko ist, das ich in diesem Leben als Frau eingehen kann – Lücke im Lebenslauf, Karriereknick, geringe Rentenkassenbeiträge.

Ich habe es 10 Jahre nach der Erkenntnis gelernt, dass casual Sex für mich sehr existenzielle Folgen haben kann.

Und by the way, auch 10 Jahre nach der erstmaligen Erfahrung, dass ich mehr abspüle und putze als meine männlich sozialisierten Mitbewohner, und dass die das auch noch normal finden.

Wie die Klitoris funktioniert, das habe ich 20 Jahre nach der Erkenntnis gelernt, dass Abtreibung, wenn auch straffrei, immer noch illegal ist.

Dass es straffrei, aber immer noch illegal ist, als Frau kein Altersarmutsrisiko eingehen zu wollen.

Wie die Klitoris funktioniert, das habe ich lange nach vielen gerissenen Kondomen, vielen Pillen danach, einer Abtreibung und noch viel mehr vorgetäuschten Orgasmen (aufgrund mangelnder klitoraler Stimulation) gelernt.

… Ich soll mich sexuell befreit fühlen.

… und ich habe casual Sex, denn dann fühle ich mich tatsächlich irgendwie freier. Das schmeckt dann nach Swimmingpool und Bacardi, nach Sonne und nach Palmenstrand, so wie bei den sexy Ladies mit den heißen Typen im Musikvideo. Und nach einem kleinen bisschen Bestätigung, dass ich vielleicht doch wenigstens ein Zehntel so begehrenswert bin, wie sie.

Sex mit Männern, Care durch Frauen

Ich schlafe daher schon mein Leben lang mit ziemlich vielen Männern, denen ich eigentlich total egal bin. Die mir keine Fürsorge geben, sondern nur Sex.

Während meine weiblichen Freundinnen in erster Linie diejenigen waren, die mich liebten und für mich sorgten.

Die mir zwar keinen casual Sex geben, aber casual Hugs, casual Trost, casual Care.

Ich schlafe mit Männern, die mir keine Fürsorge geben, weil ich ja meine Lust nicht verleugnen soll. Ich schlafe mit Männern, die keine Verantwortung übernehmen würden für die Konsequenzen, die unser beider Lust haben kann – die keine Verantwortung tragen werden für mein Altersarmutsrisiko.

Ich soll meine Lust nicht verleugnen, das sagte mir die Bravo, und das sagt die Werbung und überhaupt alle. Ich soll eine sexuell befreite Frau sein.

Doch wie das gehen soll, das sagen sie mir nicht. Wie meine Lust nicht vergehen soll in diesen Verhältnissen, das sagen sie mir nicht.

Sexuelle Freiheit braucht Fürsorge

Ich will eine sexuell befreite Frau sein.

Aber vorher will ich eine fürsorgebefreite Frau sein.

Eine Frau in einer Welt sein, in der ich tatsächlich frei bin, mit jedem casual Sex zu haben, wie ich mag. In einer Welt, in der ich weiß, dass ich und die Früchte meines Körpers von casual Care getragen werden.

Ich wünsche mir eine zweite Beziehungsrevolution nach 68: eine der freien FÜRSORGE.

Denn Sexualität wird automatisch dann frei sein, wenn Fürsorge frei ist. Wenn mein Kind als Kind dieser ganzen weiten Welt gesehen, und von allen versorgt wird. Wenn ich nicht mehr als einzige für es verantwortlich gemacht werde, und wenn ich nicht mehr gezwungen bin, mein Kind als Altersarmutsrisiko zu sehen. Erst dann wird Sex wirklich frei sein.

Ich bin ein wandelndes Paradoxon.

Ich bin eine angeblich sexuell befreite Frau in einer angeblichen Demokratie mit angeblicher Gleichberechtigung.

Ich habe viel mehr Fragen als Lösungsansätze.

Aber wenigstens bin ich ein wandelndes Paradoxon, das endlich angefangen hat, selbst zu denken.

Wir danken Keo So herzlich, dass wir diesen Artikel, den sie ursprünglich auf Facebook veröffentlicht hat, hier in überarbeiteter Form präsentieren dürfen.

Keo So arbeitet als Kunsttherapeutin, Zirkuspädagogin und Aktivistin. Dabei leitet sie z.B. leitet Seminare zu Beziehungen und Gender mit tanz- und theaterpädagogischen Methoden.