No Relationship is an Iland

Eine Brücke führt zu einer Insel, Fotograf: Paul Carmona (Quelle: https://www.flickr.com/photos/paulcarmona/13621249325/)

photo credit: Paul Carmona via Flickr cc

„Was hat meine Beziehung zu jemand anderem mit dir zu tun?“, fragte mich vor kurzem eine Freundin zornig, nachdem ich ihr gezeigt habe, wie neidisch ich darauf bin, dass sie mit einem anderem eine intensivere Beziehung als mit mir hat und ich mit dieser Person über die Beziehung reden wollte. In dem Moment war es sehr gut, mir das zu sagen, da mir dadurch ihr Wunsch – dass sie ihre Beziehungen selbst gestalten möchte und nicht über ihren Kopf hinweg verhandelt wird – klarer wurde und ich so Rücksicht darauf nehmen kann (auch wenn mir das in diesem speziellen Falle vielleicht nicht so gut geglückt war). Aber mich hat dieser Spruch sehr wütend gemacht, weil es in nicht-monogamen Beziehungen oft so gesehen wird, dass sich Beziehungen nicht gegenseitig beeinflussen würden. Mit dieser Wunschvorstellung will ich hiermit aufräumen.

Niemand steht für sich allein

John Donne schrieb 1624 in seinem Werk „devotions upon emergent occasions“ den Absatz „No man is an Iland, intire of it selfe; every man is a peece of the Continent, a part of the maine“ und will auf deutsch damit sagen, dass kein Mensch für sich alleine, sondern in einem Netzwerk mit anderen steht. Er beschreibt poetisch, wie wir Menschen von der Liebe und der Zuneigung anderer abhängig sind – eine Gesellschaft brauchen. Wenn ein Mensch stirbt („for whom the bells tolls“), dann verliert dadurch nicht nur die Familie dieses Menschen eine Bezugsperson, sondern die ganze Menschheit verliert jemanden. Somit ist das Schicksal eines jeden Menschen auch mit unserem Schicksal verbunden.

Ich finde, man kann das auch gut auf Beziehungen übertragen: Wenn man ein Beziehungsnetzwerk aufgebaut hat, wird es immer Menschen geben, die zueinander eine intensivere Beziehung als zu anderen haben. Ich höre immer wieder von Menschen, die ihre Partner gleichberechtigt behandeln, aber wenn man dann genauer hinschaut, gibt es doch oft viele Unterschiede, ohne dass sich diese hierarchisch eingliedern lassen. Insofern sind diese Beziehungen immerhin „auf einer Ebene“. Jedoch ist ein Beziehungsnetzwerk im Gegensatz zu monogamen Beziehungen nichts Statisches. Bei jedem Menschen, zu dem wir eine neue Beziehung aufbauen oder intensivieren, müssen wir auch darauf achten, wie wir unsere Ressourcen neu verteilen. In meinem Artikel Zeitmanagement hatte ich bereits beschrieben, wie schwierig es werden kann, wenn man nicht genügend Ressourcen aufbringen kann, wie es alle Beziehungspartner zusammen genommen sich von einem wünschen bzw. brauchen. Man kann es nicht allen Recht machen und man muss deswegen dann entscheiden, wie man seine Prioritäten setzt. Wenn man eine neue Beziehung anfängt oder eine bestehende intensiviert, heißt das, dass ggf. bei anderen Beziehungen dann die Ressourcen fehlen. Und an diesem Punkt kann man nun nicht mehr behaupten, dass dies keinen Einfluss auf andere Beziehungen hätte.

Was tun bei Eifersucht und Einsamkeit?

Wenn wir eifersüchtig sind oder uns einsam fühlen, hilft uns diese Erkenntnis jedoch nicht weiter. Denn letztendlich muss man die Entscheidung, wie eine Person ihre Ressourcen auf die verschiedenen Partner aufteilt, akzeptieren. Wenn man das Gefühl hat, nicht genügend beachtet zu werden, muss man die Entscheidung des Partners natürlich nicht unbegrenzt ertragen und kann jederzeit die Beziehung beenden. Denn jeder Versuch, auf die Entscheidungen Einfluss zu nehmen, wäre nicht nur manipulativ, sondern auch ein schwerer Eingriff in die Beziehungsautonomie des Paramours. Ich finde, dass jeder eine besondere Verantwortung für seine Entscheidungen trägt, wenn sich wie zuvor beschrieben das Beziehungsnetzwerk verändert: Diese Verantwortung kann man sich aber nur bewusst machen, wenn man nicht nur an seinem eigenen Glück, sondern auch am Glück seiner Metamoure interessiert ist (Solidarität!). Wenn eine Person verantwortlich handelt, muss sie gleichzeitig darauf Acht geben, dass sie niemanden zu den Entscheidungen zwingt, die sie für die richtigen hält. Vielmehr dürfen es nur Ratschläge, Befürchtungen oder Angebote sein. An dem Punkt wird es kompliziert, denn wie schafft man es, diese Gedanken zu kommunizieren, ohne andere unter Druck zu setzen?

Im eingangs erwähnten Fall haben wir uns zusammengesetzt und darüber geredet, inwiefern wir überhaupt möchten, dass sich die Beziehung miteinander intensiviert. Wir haben über unsere Wünsche und Bedürfnisse gesprochen und wie diese vom anderen erfüllt werden können. Wenn Wünsche nicht erfüllt werden können, ist das nicht ganz so schlimm, aber wenn Bedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt werden können, muss ich mir andere Partner suchen, da ich sonst unter unerfüllter Sehnsucht leide. Eine Zeitlang hatte ich versucht, meine Wünsche und Bedürfnisse zurückzustellen, statt sie zu formulieren und damit dem anderen die Chance zu geben, darauf einzugehen. Es ist zwar wichtig, keine unrealistischen Wünsche und Bedürfnisse zu haben, aber gar keine haben zu wollen, hat mich auf Dauer taub werden lassen. Redet stattdessen über eure Wünsche und Bedürfnisse, damit euer Partner überlegen kann, inwiefern er für diese Wünsche und Bedürfnisse seine Ressourcen frei machen will. Vorsicht aber: Manche Menschen fühlen sich schnell gezwungen, den Wünschen und Bedürfnissen des Partners gerecht zu werden. Wenn das Schenken von Ressourcen nicht aus einer Freude heraus, sondern aus einem Zwang geschieht, ist das ein Zeichen, dass der Partner die Ressourcen eigentlich nicht freimachen will. In diesem Fall kann man wohl nichts mehr machen, außer von der Sehnsucht zum Partner abzulassen und sich gedanklich für neue Beziehungen zu öffnen.