Überraschungseier für Erwachsene

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photo credit: korafotomorgana via Flickr cc

Bei Online-Datings weiß man nie, was rauskommt – selbst wenn man sein Gegenüber vorher per Foto abcheckt oder lange Gespräche führt. Es gibt Menschen, die andere Menschen schon online gut einschätzen können und nicht mehr überrascht sind, wenn sie diese dann zum ersten Mal real sehen. Ich gehöre dazu leider nicht, daher ist der Moment, in dem ich einen neuen Menschen treffe, auch automatisch der Moment der Wahrheit. Und der kann mal positiver und mal negativer ausfallen.

Ich muss gestehen, dass ich Online-Dating ziemlich rigoros angehe (momentan bin ich auf OkCupid unterwegs). D.h. wenn ich Menschen interessant finde, dränge ich relativ schnell auf ein Realdate. Das liegt daran, dass ich verhindern möchte, wochenlang mit jemandem zu schreiben, mit dem ich in der Realität einfach nichts anfangen kann – da ich, wie oben erwähnt, Menschen online nicht zuverlässig einschätzen kann, gehe ich hier quasi zeiteffizient vor. Außerdem versuche ich durch einen genauen Profilcheck schon festzustellen, ob der Kandidat mit BDSM etwas anfangen kann oder nicht. Das ist immer etwas schwierig, weil auf OkCupid Menschen mit verschiedensten Hintergründen unterwegs sind, aber ich für meinen Teil eben Spielpartner suche. Bisher hatte ich in dieser Richtung schon einige Treffer, aber ich weiß nicht, ob das am Algorithmus von OkCupid lag oder ich einfach nur Glück hatte.

Realtreffen sind auch so eine Sache – mittlerweile habe ich mir angewöhnt, die meisten Menschen ein zweites Mal zu treffen. Ich habe es schon öfter erlebt, dass ich mit neuen Menschen bei der ersten Begegnung nichts anfangen kann und sie erst im Lauf der Zeit attraktiv finde. Dieses Wissen ist immer ein bisschen hinderlich, weil ich natürlich befürchte, eigentlich passende Menschen zu schnell auszusortieren. Aber das kann mir auch in jedem anderen Zusammenhang passieren. 

Aussortieren ist eigentlich nochmal ein Thema für sich. Ich bekomme regelmäßig viele Nachrichten von Menschen – Männern –, die mich kennenlernen möchten. Es ist leider ziemlich institutionalisiert, dass immer Männer Frauen anschreiben, die dadurch ihrerseits niemanden mehr anschreiben, weil sie sowieso schon so viele Nachrichten bekommen. Dadurch ist meinem Gefühl nach die Balance nicht vorhanden, was auch Männer so empfinden, wie mir eines meiner Dates verraten hat. Oft frage ich mich auch ernsthaft, ob die Person, die die Nachricht abschickt, wirklich eine Antwort erwartet. Zwei-Satz-Nachrichten (Hi! Wie geht’s?) lösche ich mittlerweile, ohne überhaupt noch das Profil anzuschauen. Ebenso schrillen meine Alarmglocken, wenn bei der ersten Nachrichten in meinen Augen unangebrachte oder skurrile Fragen kommen wie 

  • „Was arbeitest du?“ [Das ist privates Online-Dating, frag halt erst mal nach meinen Hobbies!]

  • „Kann ich ein Foto von dir sehen?“ [Da ist schon ein Profilfoto und nein, ein Nacktbild von mir gibt’s nicht! Zumindest nicht gleich am Anfang.]

  • „Ich bin an intellektuellem Austausch interessiert … Was ist dein Sternzeichen?“ [Ähm … ja.]

Eine meiner Lieblingsnachrichten, die fast schon wieder toll war, war „Hi, I’m from Russia. Want u marry me?“ Aber natürlich sind nicht alle Nachrichten so, es gibt immer wieder normale, freundliche, neugierig machende Anschreiben, auf die ich gern antworte.

So klischeehaft das klingen mag, aber ich finde, dass beim Online-Dating der Ton die Musik macht. Missverständnisse sind verständlicherweise an der Tagesordnung, da man sich real noch nie oder nicht oft gesehen hat und daher die geschriebenen Worte des Gegenübers nicht einschätzen kann. Auch verschiedene Hintergründe können zu Unstimmigkeiten führen – so wollte mich ein Date relativ schnell bei sich zu Hause treffen, was ich aber aus Sicherheitsgründen (vgl. Die Regeln der Lust) strikt abgelehnt habe. Jemand mit BDSM-Szene-Hintergrund hätte das sofort verstanden und akzeptiert, aber in diesem Fall entstand eine heftige Diskussion, bis wir uns einigen konnten.

Und natürlich ist Online-Dating eine wahnsinnig oberflächliche Angelegenheit, weil man trotz der beantworteten Fragen einfach stark über Äußerlichkeiten wie das Profilfoto geht. Trotzdem hat es sich für mich als hilfreich erwiesen. Da ich viel unterwegs bin, sind Fix-Termine wie ein Stammtisch für mich nicht immer einfach wahrzunehmen. (Natürlich ist es auch  bei Stammtischen ein Glücksspiel, ob man gerade zufällig jemanden kennenlernt, mit dem es passt, oder nicht.) Online-Dating lässt sich terminlich besser schieben und im schlimmsten Fall, dass es überhaupt gar nicht passt und ein schreckliches Date rauskam, hat man oft eine unterhaltsame Geschichte, die man hinterher erzählen kann.