1,5 Meter und all die Distanz dazwischen

“Social Distancing” fühlt sich für mich grundverkehrt an. Ich bin ein sehr sozialer und nähebedürftiger Mensch und spüre schon jetzt, nach nur zwei Wochen “Social Distancing”, einen starken Mangel an Nähe. Ich kann weder meinen Partner, noch meine engsten Freunde, oder meine Familie sehen. Und ich vermisse diese kleinen Aufmerksamkeiten, intimen Gespräche, Späße, Komplimente, Umarmungen, Küsse, fangen wir mit Spielen und Sex gar nicht erst an… Einige Menschen in meinem Umfeld sagten mir, ich müsse das eben mal runterschlucken und Verantwortung übernehmen, Verantwortung für meine Mitmenschen und die Gesellschaft. Aber wo kommt darin die Verantwortung für mich selbst vor?

Verantwortung für mich selbst übernehmen, das heißt mich um meine Bedürfnisse zu kümmern und für mich zu sorgen. Es heißt, dass ich nicht den ganzen Tag nur meine Sorgen im Kopf und meinen Körper durch die Wohnung kreisen lasse, ohne wirklich etwas zu tun. Es heißt, dass ich morgens nicht zwei, drei, vier Stunden länger als üblich schlafe, weil ich es ja gerade „darf“. Es heißt, dass ich versuche, mir den Halt zu schaffen, der sonst durch meine Tagesstruktur bereits besteht. Die aktuelle Ausnahmesituation bringt auch emotionale Ausnahmezustände in mir mit sich – und wenn ich mich nicht selbst um diese Emotionen kümmere, wer sollte es dann tun? Wenn ich keine Verantwortung für meine Einsamkeit und Angst, meine Wut und meine Verzweiflung übernehme, wer dann? Gerade jetzt finde ich es umso wichtiger diese Verantwortung für mich zu übernehmen. Denn sie ist die Voraussetzung für die gesellschaftliche Solidarität – erst, wenn wir gut mit uns selbst auskommen, können wir auch vernünftig, ausgeglichen und solidarisch nach Außen agieren.

Gerade das Bedürfnis nach Nähe ist eines um welches ich mich trotz Covid-19 kümmern sollte. Trotz physischer Distanz von mindestens 1,5 Meter, in den meisten Fällen eher mehr, sollten wir uns dennoch nicht sozial distanzieren. Das ist ein entscheidender Unterschied, der bei vielen verloren zu gehen scheint. Dabei glaube ich, dass es derzeit umso wichtiger ist, dass wir Nähe und Solidarität zeigen. Darum hier eine kleine Sammlung von Denkanstößen.

Geht auf die Menschen zu!

Schreibt, ruft mal wieder an, facetimed oder skyped! Vielleicht sogar ohne im Vorfeld einen Termin auszumachen, denn das scheint inzwischen gängige Praxis zu sein. Glaubt mir, jeder Mensch freut sich darüber und sei es nur im Nachhinein, einen verpassten Anruf angezeigt zu bekommen und lächeln zu müssen, weil man weiß: jemand hat an mich gedacht. Derzeit fällt es vielen schwer, sich selbst einzugestehen, wie herausfordernd die Situation für sie ist. Dadurch können sie nicht so auf andere Menschen zugehen wie sonst. Das ändert aber nichts an dem an sich vorhandenen Bedürfnis nach Kontakt! Wenn du dir mit deinen Lieben gerade irgendwo ein Nest gebaut hast und sozial gut versorgt bist, fällt es dir vielleicht schwer, dir vorzustellen, was die aktuellen Maßnahmen teils bedeuten. Für überforderte Eltern oder Alleinerziehende, für Singles, für Menschen in Fernbeziehungen oder in Polykülen, die gerade nicht miteinander sein können – es gibt viele Konstellationen, in denen die alltägliche Struktur jetzt wegfällt und die erst mal nicht von einem stabilen Netz aufgefangen werden. Deswegen möchte ich hier jeden auffordern darüber nachzudenken, wann ihr zuletzt etwas von Freunden gehört habt. Fragt einfach mal nach und verwendet all diese kurzen, aber wichtigen Sätze: Wie geht’s dir? Ich denke an dich. Ich vermisse dich. Ich wäre gern bei dir. Ich bin für dich da. Ich liebe dich. Nur ein paar kleine Worte und doch die wichtigsten überhaupt.

Nutzt Social Media und kreiert virtuelle Räume!

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal schreibe. Aber nutzt Social Media doch wirklich mal für soziale Zwecke, schenkt virtuelle Aufmerksamkeit, baut virtuelle Verbindungen auf, kreiert virtuelle Ideennetzwerke. Schaut mal häufiger bei Facebook, Instagram oder Fetlife rein. Benutzt mal wieder Foren oder Gruppenchats.

Setzt Dinge, die ihr sonst tut, online um! Egal ob virtuelle Stammtische, Online Brettspiel-Gruppen, Live- Radio-Sendungen sowie Live-Lesungen, oder Watch-Partys eurer Lieblingsserie, bringt euch ein statt passiv Medien zu konsumieren. Kreiiert, liked, kommentiert! Ich bin mir sicher, dass sich für alle Interessen etwas passendes findet.

Werdet kreativ!

Wir befinden uns in einer außergewöhnlichen Situation, die erfordert sich aus seinen gewohnten Mustern zu bewegen. Es gibt sooo viele kreative Möglichkeiten, Nähe aufzubauen, versucht welche für euch zu entdecken. Betrachtet alles mal aus der Perspektive einer prämodernen Person.

Denn ihr könnt euren Lieben auch Briefe, Postkarten, Mails oder kleine Päckchen mit einem Stückchen Persönlichkeit von euch senden. Vielleicht mit alten Bildern, einer Playlist, einer Geschichte, einem Rezept. Dem Lieblingsbuch mit kleinen Zettelchen und Kommentaren an den tollsten Stellen. Eine Aufnahme wie ihr selbst eine Geschichte vorlest, oder einen Song auf der Gitarre, dem Piano, oder der Mundharmonika spielt. Erzählt von euren Erfahrungen, Phantasien, Träumen, erstellt eine “Post-Apocalypse” Bucket-List. Glaubt mir, jede Kleinigkeit verändert etwas.

Man sollte nie vergessen, dass immer Resonanz entsteht, wenn wir etwas Persönliches teilen. Manchmal ist es das Gefühl, jemanden besser zu verstehen und kennenzulernen. Manchmal einfach einen Moment der Ruhe, Geborgenheit oder Nähe, den man da geschenkt bekommt. In anderen Fällen stoßen solche persönlichen Kleinigkeiten wunderbare Interaktionsketten an. Vielleicht wird dein Gitarrenclip zur Einschlafhymne deiner Freundin, dein Lieblingssong zum Wecker deiner Cousine, deine Geschichte von Bekannten weiter geschrieben, dein Bild in einer Kollage verarbeitet, dein Rezept sorgt für einen gelungenen Abend in der Familie. Deine Bucket-List wird zu der deines Partners, dann wird sie erweitert. Aus der Idee werden Fantasien, dann Pläne.

Habt trotzdem Dates und Sex!

Es ist nicht dasselbe über die Distanz Nähe und Intimität zu schaffen, das möchte ich gar nicht erst behaupten. Aber ich denke, manche Beschränkungen existieren nur in unseren Köpfen. Also fragt Menschen, für die ihr euch interessiert, doch trotzdem nach einem Date, macht eine Zeit, einen Ort und eine Unternehmung aus, fast so wie sonst auch. Normalerweise würdet ihr durch den Park spazieren? Ihr habt ein Telefon und sicher auch einen Park in der Nähe. Also, auf in den Park, denn ihr könnt trotzdem reden, euch Photos senden, lachen, flirten und euch Zuneigung zeigen. Normalerweise würdet ihr gemeinsam kochen? Sucht euch zusammen ein Rezept aus und los geht’s. Ihr würdet gerne zusammen baden gehen, besorgt dasselbe Schaumbad und einen Laptop mit Webcam. Das gleiche Prinzip gilt auch für Sex, denn man kann auch Sexualität ausleben, ohne direkt einen Körper zu berühren. Probiert Telefonsex aus, masturbiert zusammen, etabliert Fern-D/s… seid kreativ, nutzt die Technologie und überwindet die Barrieren in euren Köpfen.

Jetzt ist zwar nicht die Zeit, in der man 1,5 Meter überwinden kann, aber all die Distanz dazwischen. Nähe lässt sich trotzdem schaffen und glaubt mir, diese Nähe, die brauchen wir trotz – oder gerade wegen – dieser Pandemie. Also, übernehmt Verantwortung – für andere und für euch selbst!