Die Faszination von Schmerzbondage – Interview mit Lor von seilmanufaktur-lorenz.de, Teil 1

Hände einer Frau sind im Nacken gefesselt

Lizenz: CC4.0 BY-SA Seilmanufaktur Lorenz Kretzer, p:bromdibaer

Lorenz Kretzer, den meisten als „Lor“ bekannt, knotet seit Jahren. Jetzt hat er einen Online-Shop eröffnet und wir wollten wissen, wie es dazu kam.

Aureliana: Wir haben mitbekommen, dass du vor Kurzem mit einem Seil-Online-Shop www.seilmanufaktur-lorenz.de online gegangen bist. Wie kommt’s? Denn gefühlt gibt es Seile ja sowohl im Baumarkt als auch in Erotikshops schon in den verschiedensten Formen und Ausführungen zu kaufen.

Lor: Angefangen hat das Ganze damit, dass ich für meine Art des Fesselns vor ein paar Jahren ein besonders fest gedrehtes Seil gebraucht habe, aber es in vernünftigen Mengen nicht herzubekommen war. Nachdem ich handwerklich und technisch recht geschickt bin, habe ich angefangen, mich in die Thematik der Seilherstellung einzuarbeiten und erst mal Verschiedenes auszuprobieren. Mit der Zeit ist das ganze Projekt gewachsen, ich habe die Technik vielfach überarbeitet und auch neue Verfahren, zum Beispiel für Materialmischungen, entwickelt. Aus den Anfängen mit Tomatengarn ist eine zuverlässige Liste mit Direktimporteuren geworden, der Akkuschrauber wurde durch einen Industriemotor mit Umdrehungsmessung ersetzt und so manches ist einfach Stück für Stück dazugekommen. So ist aus einer kleinen Liebelei ein solides Verfahren für eine verhältnismäßige Produktion entstanden. Auch der Shop ist jetzt einfach der Versuch, etwas zu bewegen, hinter dem ich stehen kann, und die Möglichkeit, sich mit der Zeit zu entwickeln.

Ich selbst habe jetzt erst durch das selber Drehen gelernt, wie viel mehr hinter der Konstruktion eines Seils steckt und wie unterschiedliche Parameter das spätere Erlebnis und Fesselverhalten beeinflussen. Und genau da sind die Formen und Ausführungen herkömmlicher Quellen aufgrund der hohen Mindestproduktionsmenge stark eingeschränkt. Selbst bei Online-Fachhändlern gibt es meist nur eine Unterscheidung nach Material und Durchmesser mit der Annahme, dass dieses Seil dann für alles und jeden perfekt geeignet ist. Und genau hier versuche ich mich mit einer wesentlich breiteren und feiner aufgegliederten Auswahl abzugrenzen.

Kannst du für Fessel-Unkundige wie uns ein bisschen beschreiben, was „deine Art des Fesselns“ ist? Und vielleicht auch erzählen, wie lange du dich schon mit Bondage beschäftigst? Denn es klingt ganz so, als würdest du nicht erst seit gestern Menschen fesseln ;-).

In die Szene, damals noch SMJG, bin ich mit 14 Jahren gekommen, aber richtig los ging es erst, als ich mit 18 auch die lokalen Stammtische mit Spielmöglichkeiten besuchen konnte. Hier konnte ich viele neue Erfahrungen sammeln und Leute kennenlernen. Das ist jetzt zehn Jahre her und in dieser Zeit habe ich so manchen Wandel in meinem Stil durchlebt. Das Seil hat mich über die Jahre stetig begleitet. Meine Art des Fesselns liegt sehr stark im Bereich Schmerzbondage, oftmals auch Semenawa genannt. Es geht hierbei nicht primär um eine Fixierung, sondern mehr darum, das Seil als Werkzeug zur Erzeugung von präzisen Schmerzen einzusetzen.

Zu dieser Art des Bondage bin ich eher durch Zufall gekommen, da ich es aufgrund einer Krankheit für zwei Jahre nicht mit mir vereinen konnte, Hängebondages durchzuführen. Ich hatte Probleme mit dem Knie, war auf Krücken angewiesen und konnte weder in die Hocke gehen, über das Kniegelenk drehen noch größere Belastung aufnehmen. Da dies auch alles Bewegungen sind, die beim Bondage auf dem Boden von Vorteil sind, begann ich meine Partner auf Barhockern zu verschnüren, was für mich einfach am angenehmsten war. Irgendwann beim gemütlichen Rumprobieren experimentierte ich mit unterschiedlichen Verspannungen, die ich an so einem Barhocker bewerkstelligen konnte, und vernahm ein kleines Fiepen, gefolgt von einem „Aua“ und einem Grinsen.

Porträt von Lor

Lor, der Betreiber der Seilmanufaktur Lorenz

Die Neugier war geweckt und so begann ich auch mein bisheriges Wissen aus dem Kampfsportbereich, vornehmlich Pressure Point Fighting (Kyushu Jutsu), mit einfließen zu lassen. Es entstand hieraus eine sehr persönliche Mischung unterschiedlicher Techniken, die immer wieder Iterationen durchlaufen und verfeinert werden. Das für mich Besondere hieran ist die Nähe, die ich während des Spiels mit meinen Partnern empfinden kann, und der sehr dynamische Ablauf. Spanking wird oftmals im BDSM-Kontext als Paradedisziplin des SM genannt, doch habe ich es für mich nie wirklich entdecken und genießen können, da einfach aus technischen Gründen immer eine gewisse Distanz zwischen mir und meinem Partner sein muss. Mit der Kombination aus Schmerz und Bondage kann ich diese Entfernung verkürzen und auch bei einer Umarmung noch ein Aufatmen, Innehalten und Lächeln erzeugen. Genau das Richtige für mich als Kuschelsadisten ;). Von außen mag es unscheinbar sein, doch manchmal sind es die leisen Momente, die einen bewegen. Ein Freund beschrieb den Prozess einmal sehr schön als „Schmerzsurfen“, da es immer ein Stückchen weiter geht, bis Geist und Körper nachgezogen haben, um dann die eigene Grenze wieder ein klein wenig zu erweitern und einen Schritt weiter zu gehen, wie das Reiten auf einer Welle.

Ich stimme dir voll zu, dass es oft die leisen Momente sind, die einen hinterher noch schweben lassen. Magst du uns von ein oder zwei besonders schönen Bondage-Erlebnissen – auch wenn es sicher sehr viel mehr waren – erzählen?

Ein immer wiederkehrender Moment ist der Satz „Heilige Scheiße, ich dachte immer, ich bin doch gar nicht maso“. Ich habe es jetzt schon des Öfteren erlebt, dass Bunnies vor einer Fesselung der Überzeugung waren, sich in keiner Weise mit dem masochistischen Ansatz identifizieren zu können, aber es dann aus Neugierde und weil sie es bei jemand anderem gesehen haben, mal ausprobieren wollten. Der „Aha“-Moment, dass Schmerzen sehr unterschiedlich sein können, ist immer wieder faszinierend. Man merkt richtiggehend, wie die Person innehält, um das, was gerade passiert, zu begreifen und zu verarbeiten. Das ist auch genau der Moment, in dem ich mit dem Tempo runterfahre, die Spannung nachlasse, und erst mal eine kleine Pause einlege, um der Verarbeitung Zeit zu geben. Viele der Techniken sind auch darauf ausgelegt, mit Pärchen zu funktionieren, sodass der aktive Part, egal wie viel Erfahrung am Seil schon vorhanden ist, bereits mit ein paar kleinen Handgriffen das ausprobieren kann, was sonst jahrelanges Training und Hingabe erfordert. Ich gebe Menschen so immer wieder gerne etwas mit, was den Moment überdauert, und eben auch etwas mehr Einsicht in das Ich gewährt.

Auch ich selbst habe immer wieder diese Augenblicke, in denen ich selbst geistig wieder zu Atem kommen muss. Auf der Boundcon im letzten Jahr war ich mit einem Bunny am Fesseln, das ich schon länger kenne, und habe bei ihr den T-Rex geknotet. Wir saßen uns dann im Schneidersitz gegenüber und ich kam auf die Idee, die Wickelung, die die Spannung für die Druckpunkte bereitstellt, an meinem Oberkörper zu fixieren. Dadurch hatte ich beide Hände frei und konnte über meine Position trotzdem noch die Spannung und damit den Schmerz regulieren. Danke an dieser Stelle übrigens an Veterinarian, der mit einem Bild vor ein paar Jahren sicherlich die Saat für diese Idee gepflanzt hat – manche Dinge brauchen einfach Zeit zum Reifen.

Wir spielten dann in dieser Konstellation etwas herum und ich experimentierte mit Mini-Knockouts, was dazu führte, dass sie für einen kurzen Moment die Körperspannung verlor, in sich zusammensackte und dann durch den Schmerzreiz der steigenden Spannung wieder aufschreckte. Dieser kurze Ablauf hat sicherlich nur wenige Sekunden gedauert, doch mir haben sich etliche Details offenbart.

Der letzte Schlag war gesetzt und ihre Augen rollten nach hinten, man konnte regelrecht beobachten, wie sie das Bewusstsein verlor, den Kopf in den Nacken legte und jegliche Anspannung in dem Himmel atmete. Als ihr Körper nachzog und der Oberkörper begann, nach hinten zu fallen, ging ich mit meinem Körper ein klein wenig hinterher, um dann abrupt nach hinten zu ziehen und so die Spannung ruckartig wieder aufzubauen. Ich war es bis dato immer gewohnt, dass Knockout-Techniken einen Moment der Verwirrung und Desorientierung nach sich ziehen, doch das, was mir entgegenkam, war alles andere. Der Blick fokussiert, die Mimik gefasst und ich glaube, wären die Hände nicht fixiert gewesen, hätte ich mir aus Reflex eine Ohrfeige eingefangen. Als wir dann beide wieder aufrecht saßen und uns ansahen, kam das verschmitzte Lächeln, wir nickten uns zu und weiter ging es.

Den zweiten Teil des Interviews gibt’s am 1. Juli.