Skinshedding

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photo credit: Dirty Bunny via photopin cc

Aureliana hatte in ihrem Blogartikel Ist Authentizität schön? bereits darüber nachsinniert, wie sehr uns die Imperfektionen unserer Mitmenschen faszinieren können, wie sehr Authentizität eigentlich ein universelles Schönheitsideal ist. Ich habe sicher schon in dem ein oder anderen Artikel erwähnt, wie schwierig ich es finde, mich in Momenten von Schwäche oder Unsicherheiten zu öffnen.  Aber gerade in den letzten Jahren habe ich zusätzlich häufig das Feedback bekommen, dass es anderen Menschen recht schwer fällt, einen Zugang zu mir zu finden. Ich habe mich nie als verschlossenen Menschen gesehen, stelle aber in der Retroperspektive fest, dass ich mir anscheinend beigebracht habe, mich in Gesprächen zurückzuhalten; unter anderem, weil man die besten Geschichten der anderen hört, wenn man selber still ist, weil ich es häufig schwierig finde, Meinungen abzugeben, wenn mir Grundlagen fehlen, weil ich Angst davor habe,   festzustellen, dass meine Geschichte für mein Gegenüber nicht interessant genug ist, weil ich mich als introvertiertes Wesen anderen nicht gerne aufdränge, und letzten Endes, weil ich es irgendwann verlernt habe, Intimität mit meinem Gegenüber aufzubauen. Das bedeutet aber auch, dass ich es in den letzten Jahren häufig anderen Menschen überlassen habe, den Kontakt zu mir aufzubauen, und ich mich eher zurückgelehnt und abgewartet habe. Das hat zwei Dinge zur Folge: Erstens, die Anzahl meiner potenziellen tollen Bekanntschaften reduziert sich drastisch, wenn ich nur Personen zur Auswahl habe, die sich auf Anhieb die Mühe machen, den Kontakt mit mir halten zu wollen. Zweitens empfinde ich es inzwischen als anstrengend, mich Menschen zu öffnen, was es natürlich noch schwieriger macht, sich mit Menschen vertraut zu machen. Und wie so häufig fühlt sich die Abgewöhnung anstrengender an als der Weg, der mich soweit gebracht hat.

„Even if you’ve taken off every stitch of clothing, you still have your secrets, your history, your true name. It’s hard to be really naked. You have to work hard at it. Just getting into a bath isn’t being naked, not really. It’s just showing skin.“

Catherynne M. Valente, The Girl Who Circumnavigated Fairyland in a Ship of Her Own Making (Fairyland, #1)

Auch wenn mir der Aufbau von einem körperlichen Level mit anderen Menschen nicht immer leicht fällt (gerade wenn ich nicht einschätzen kann, was Körperkontakt für den anderen Menschen bedeutet), habe ich vor Kurzem an einem kalten Wintertag, als ich völlig unbekleidet in einem Zuber mit heißem Wasser – zusammen mit einer Handvoll Menschen, von denen mir nur zwei gut und der Rest gar nicht bekannt waren – mitten auf einem Marktplatz voller Menschen festgestellt, dass ich durchaus in der Lage bin, mich emotional zu verschließen und dadurch fast gar nicht verletzlich, unsicher oder entblößt zu fühlen.

Ganz im Gegenteil zu einem Abend, als ich mit einem Partner auf meinem Sofa saß (völlig bekleidet) und ich ihm, sehr hilflos und ständig nach Worten suchend, versucht habe, mein Innenleben zu erklären, das er nach einem missglückten Erlebnis gerne verstehen würde. Der Abend endete damit, dass ich das Gefühl hatte, völlig leer geredet und emotional aufgerieben zu sein, aber immerhin den Eindruck hatte, mich ganz gut geschlagen zu haben. Leider hat er mir beim nächsten Treffen gestanden, dass bei ihm trotzdem noch viele Unklarheiten übrig geblieben sind. Naja, Versuche machen den Meister.

Für mich ist es immer noch verwirrend, diese Differenz zwischen Innen- und  Außenwahrnehmung festzustellen. Und es fasziniert mich, wie man auf der einen Seite in der Lage sein kann, sich komplett zu entkleiden und trotzdem nicht verletzlich zu fühlen, und auf der anderen Seite durch den Versuch, sich einer Person verbal zu öffnen, absolut aus der Bahn geworfen wird.

Aber, wie mir kürzlich eine Freundin erst gesagt hat, hilft es weder mir noch meinem Gegenüber, wenn ich meine Zweifel, Unsicherheiten und Haken zu verbergen suche – keine Beziehung kann bestehen, wenn man den Boden, auf dem man sich bewegt, nicht erkennt, und Hindernisse lassen sich besser umschiffen, wenn man sie tatsächlich sieht anstatt sich in trüben Gewässern darin zu verstricken. Sich voreinander zu verstecken führt leider nicht dazu, dass wir auf Dauer anziehend auf andere Menschen wirken, sondern bewirkt nur, dass wir uns fremd bleiben.